Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte (Hrsg.): Lyrik der DDR

Arnold/Korte-Lyrik der DDR

DER TAG SCHIESST SICH EIN

und herabgestürzt entwürdigt in den freien selbstgesprächen
mit dem wind von süden unterbrochen vor dem küchenfenster
liegt die drossel und in meiner stimme kreischend schwankend
aaaaafast
erschlagen kam sie aus dem regen meine stirn ist
angeschwollen meerbreit
eine rückkehr zu den meeren
und der tag schießt sich ein

zigaretten gebt mir wilde leuchtreklamen schäumend
meterhohe schnäpse und mein tier gebt mir zurück die drossel
die entwürdigte den wolf auch und ich werde eure stadt
verlassen nehmt aber das gift zuvor aus meinen augen
daß mir schnell ein fell wächst laßt die weinenden soldaten
schlafen laßt den jungen russen der mich wodkasüchtig
krank vor heimweh angrinst nackt wie jean arthur rimbaud
und laßt ihn hängt ihn nicht er
hat mich nicht gesehen und er ahnt gewiß nicht wie ich starr
den schädel aufgerichtet auch die arme hintenüberhängend
und die beine weibisch auseinanderspreizend
in der küche liege
und der tag schießt sich ein

wie das blut mir aus den schläfen quillt und schon die ratten
meiner drossel das gefiederte geschlecht zerreißen
wie in meiner stimme vor dem brandenburger tor
der eisenmann mit der verschwiegenheit des todes mir das hirn
bis zum zerbersten anfüllt wie die straßenbahn mich
ausspuckt als das frühe licht in meinem rücken
aufeinandertrifft sich schließt gehässig lauernd unbestechlich
eine böse alte frau ein sicherheitsbeamter ein geruch von seife
und der tag schießt sich ein

Ulrich Zieger

 

 

Vorbemerkung

Als es die Deutsche Demokratische Republik noch gab, wurde immer wieder die Frage diskutiert, wie viele deutsche Literaturen es gebe. Dass es mehrere deutschsprachige Literaturen gibt, ist offensichtlich: die österreichische, die schweizerische, die deutsche Literatur, aber auch die des Banat und anderer deutschsprachiger Gebiete in anderen Nationen können für sich durchaus in Anspruch nehmen, im Sinne dieser Frage differenziert betrachtet zu werden, mit all den Ingredienzien ihrer besonderen Prägung – aber wären dann nicht die bayerische, die sächsische, die mecklenburgische Literatur auch ähnlich zu differenzieren?
Die Frage seinerzeit meinte ja etwas anderes als landsmannschaftliche oder dialektale Besonderheiten; damals wollte man wissen, ob die Literatur der damaligen DDR sich von jener der damaligen BRD hinsichtlich ihrer sozialen, politischen, ideologischen Prägung unterscheide; und ob insbesondere an der DDR-Literatur sich Übereinstimmungen mit oder Differenzen zum politischen System ablesen ließen. Als die DDR am Ende war, bezeichneten Kritiker diese Betrachtungsweise als eine gesinnungsästhetische.
Wenn nun, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR, hier erstmals eine Anthologie vorgelegt wird, die beansprucht, die Lyrik der DDR vorzustellen, so mag das als Anmaßung bewertet werden. Damit müssen die Herausgeber leben. Dennoch versuchten, nein: beanspruchen sie, in den 500 Gedichten dieses Buches, die von 180 Autorinnen und Autoren stammen, eine repräsentative Auswahl der in der DDR, aber auch von DDR-Lyrikerinnen und Lyrikern in der BRD oder im weiteren Ausland geschriebenen und publizierten Gedichte aus vierzig Jahren DDR und zehn Jahren Post-DDR-Empfindung getroffen zu haben. Bei dieser Auswahl spielten formale, inhaltliche, ästhetische, aber auch offensichtlich oder implizit ideologische Kriterien eine Rolle. Dabei wurden die Gedichte, diesen Kriterien entsprechend und dem den Texten innewohnenden, durchaus spürbaren Zeitgeist folgend, chronologisch angeordnet.
Die Textauswahl erfolgte auf der Basis von Gedichtbänden (Erstauflagen) und Veröffentlichungen in den Zeitschriften Sinn und Form und neue deutsche literatur. Sofern Gedichte zuerst in DDR-Anthologien, Sammel- und Auswahlbänden wie der resonanzreichen, viele neue Talente präsentierenden Lyrikreihe Poesiealbum erschienen, bildeten diese die Textgrundlage. Explizite Hinweise auf das jeweilige Entstehungsjahr eines Gedichts wurden bei der Jahreszuordnung berücksichtigt. Große Diskrepanzen zwischen Entstehungs- und Erscheinungsjahren sind im Anmerkungsteil verzeichnet.
(…)

Heinz Ludwig Arnold/Hermann Korte, Vorwort, 20.6.2009

Nachwort

Zur Konzeption der Anthologie

Anthologien bedürfen keiner umständlichen Erklärungen. Die vorliegende Auswahl der Texte zielt auf ein Ensemble lyrischer Stimmen, das einen Zeitraum von über fünfzig Jahren umfasst und so angelegt ist, dass die Gedichte untereinander in einen spannungsreichen Dialog treten. Die Entscheidung der Herausgeber, die Gedichte nicht nach Autorennamen und auch nicht nach Genres und Themen zusammenzustellen, sondern Text für Text in der von Jahr zu Jahr fortschreitenden Chronologie des historischen Prozesses aufeinander folgen zu lassen, bietet dem Leser die Möglichkeit, die Anthologie selbst auf Kontinuitäten, Zäsuren und Brüche hin durchzusehen. Die Präsentation der einzelnen Jahre ist so angelegt, dass sie, exemplarisch und im Umfang begrenzt, stets ein Spektrum lyrischer Texte ausbreitet. Dabei markieren die Jahreszahlen oft nicht das Entstehungsjahr, sondern das Erscheinungsdatum der Texte, die zum Teil aus Anthologien und Zeitschriften wie Sinn und Form und neue deutsche literatur, zum Teil aber auch aus Gedichtbänden, Auswahlsammlungen und Werkausgaben zitiert werden. (Bei der Textauswahl ausgeklammert wurden die Visuelle Poesie der DDR und die DDR-Mail Art, weil deren Rubrizierung unter den Gattungsbegriff ,Lyrik‘ der Bedeutung dieser künstlerischen Formationen nicht gerecht wird; insbesondere gilt dies auch für das komplexe, noch kaum entdeckte Werk von Carlfriedrich Claus, das sich jahrzehntelang jenseits des DDR-Kulturbetriebs entwickelte und eines der wichtigsten bildkünstlerischen Positionen der DDR auf der Grenze zwischen skripturaler Kunst und Literatur repräsentiert).
Die Anthologie basiert auf einem weiten Begriff von DDR-Lyrik und bezieht daher auch diejenigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein, die entweder aus der DDR ausgebürgert wurden oder die Ausreise- und Aufenthaltsgenehmigungen für den Westen erhielten. Für sie alle blieb die DDR ein lebensgeschichtlich bestimmender Erfahrungshorizont; der (oft erzwungene) Weggang markierte zwar eine scharfe Zäsur, bedeutete aber für niemanden den abrupten Wechsel des literarischen Selbstverständnisses oder gar den endgültigen Bruch mit poetischen Stilen und Schreibweisen. Die Anthologie berücksichtigt daher konsequenterweise auch Gedichtbände, die nach dem Verlassen der DDR publiziert wurden.
Die Anthologie will keine Dokumentation einer in ihrer Wirkung längst historisch gewordenen Dichtung sein. Die präsentierte Stimmenvielfalt zielt auf ein ästhetisches Interesse an einem breiten Formen- und Ausdrucksrepertoire, das die Originalität und den Eigensinn des lyrischen Wahrnehmungs- und Reflexionsraums gegen den Druck staatlicher Kontrollinstanzen erfolgreich behauptete. Der Gedichtauswahl lag eine systematische, an der Universität Siegen organisierte Recherche zugrunde: rund 450 Namen wurden ermittelt: Namen von Autorinnen und Autoren, die in Zeitschriften, Anthologien, großen und kleinen, staatlichen und kirchlichen Verlagen Gedichte bzw. Gedichtbände veröffentlichten. Um die Anthologie überschaubar und vor allem lesbar zu halten, wurden 180 Namen und rund 500 Gedichte ausgewählt. Die Sammlung hat nicht den Anspruch, die DDR-Lyrik vollständig zu dokumentieren; sie repräsentiert aber in aller Breite den literarischen Prozess der Lyrikproduktion von 1945 bis 1990 und beschränkt sich dabei weder auf einen engen Autorenkanon noch auf bestimmte Themen und Inhalte. Dass die DDR-Lyrik nicht mit dem Fall der Mauer und dem Anschluss an die Bundesrepublik zu Ende ist, zeigen die Gedichte des Zeitraums 1990 bis 1999. Selbstverständlich wurden auch Lyrikerinnen und Lyriker der jüngsten DDR-Generation, deren Werk oft erst nach 1990 einem größeren Publikum bekannt wurde, aufgenommen: Gedichte von Durs Grünbein, Kerstin Hensel, Jayne-Ann Igel, Uwe Kolbe, Detlef Opitz, Bert Papenfuß(-Gorek), Kathrin Schmidt und anderen.
Die Spannweite der in der Anthologie versammelten Lyrik ist so groß, dass der Begriff ,DDR-Lyrik‘ fast fragwürdig erscheint. DDR-Lyrik ist nicht mehr als eine schillernde, vieldeutige, ja diffuse Formel, die keineswegs nur ein Synonym für die in der DDR geschriebenen Gedichte darstellt. Sicherlich wurde ein großer Teil der DDR-Lyrik in der DDR veröffentlicht, ein Teil aber auch nur im Westen und nur im Osten oder auch – zeitgleich oder zeitversetzt – im Westen wie im Osten. Und manche Gedichte konnten erst nach dem Ende der DDR publiziert werden, weil sich vorher nirgends ein Verlag fand, wie im Fall von Günter Ullmann. Im Übrigen war DDR-Lyrik über alle Entwicklungsphasen hinweg kein Produkt eines von der Außenwelt abgeschirmten Biotops, sondern stand stets in enger Beziehung zur Gesamtheit der deutschsprachigen Lyrik seit 1945.
Festzuhalten allerdings sind die gegenüber dem Westen gänzlich anderen Produktionsbedingungen und insbesondere die aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare obrigkeitsstaatliche Aufmerksamkeit, die der Lyrik, dieser subjektivsten und selbstreflektiertesten aller literarischen Gattungen, oft schon vor ihrer Veröffentlichung bzw. vor einem Publikationsverbot zukam. Aus heutiger Sicht wäre ein über Gedichte räsonierendes Bundeskabinett schlicht nicht mehr denkbar: Derart bedeutungslos erscheint Lyrik heute im Alltagsgeschäft politischer Protagonisten. Dagegen wirkten die Autoritäten der DDR auf paradoxe Weise wie Karikaturen von Bildungsbürgern, die starr an die Macht des dichterischen Wortes glaubten und deshalb Vers für Vers auf offene und geheime Angriffe durchmusterten.
Misstrauisch und ablehnend standen die Staatsführung und ihre kulturpolitischen Institutionen einer großen Anzahl von Lyrikerinnen und Lyrikern gegenüber, so dass sich die Geschichte der DDR-Lyrik wie eine Chronik autoritärer Reglementierungen und Zurückdrängungen liest. In den 1950er Jahren wurden unter dem Etikett des ,Formalismus‘ Traditionen der frühen Moderne bekämpft, in den 1960ern die neuen, ein junges Lesepublikum begeisternden Stimmen der – Lyrikwelle – auf rigide Weise mundtot gemacht in Zeitungen, Zeitschriften, auf Parteitagen und Schriftstellerkongressen. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 war politisch der Anfang vom Ende der DDR und lyrikgeschichtlich das Datum einer deutlichen Zäsur: Autorinnen und Autoren, darunter bekannte Namen wie Sarah Kirsch und Günter Kunert, verließen die DDR, während der größte Teil der jüngsten Lyrikergeneration – darunter die später so genannte Prenzlauer-Berg-Connection – im offiziellen Literatur- und Kulturbetrieb kaum vernehmbar war. Es verwundert im Nachhinein nicht, dass gerade diese subkulturelle Formation von Beginn an durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) misstrauisch beäugt und von (nicht nur Berichte, sondern auch Gedichte produzierenden) Informellen Mitarbeitern (IMs) teils kontrolliert, teils sogar im Sinne des MfS gesteuert wurde.
Die Anthologie beginnt mit dem Jahre 1945, also vier Jahre vor der Gründung der DDR im Oktober 1949. Aus dem politischen Zäsurdatum darf freilich noch nicht geschlossen werden, dass die offizielle Kulturpolitik des neuen Staates nun rasch eine unter dem Etikett ,DDR-Lyrik‘ firmierende Dichtung etablieren wollte. Im Gegenteil: Noch am Ende der 1950er Jahre galt die Gedichtproduktion der DDR bei Kulturfunktionären wie bei vielen Autorinnen und Autoren als genuin deutsche Literatur. Bechers Vers „Deutschland, einig Vaterland“ in der Nationalhymnen-Fassung von 1949 zitiert eine gesamtdeutsche Utopie, und noch 1954 heißt es im Gedicht „Geteiltes Land“ aus der Feder des später einflussreichen, strikt auf die Eigenständigkeit der DDR beharrenden Kulturpolitikers Günther Deicke:

Grüßt hinüber, grüßt herüber
brüderliche Hand.
Was Herüber und Hinüber!
Bleibt doch unser Land!

Wie in allen deutschsprachigen Ländern dominiert in den 1950er Jahren das Naturgedicht. Mit Johannes Bobrowski und Peter Huchel steht die DDR-Lyrik an exponierter Stelle; ihre Nachkriegsdichtung gehört in den Kontext einer Poesie, die ihre Landschaftsbilder mit zeitgeschichtlichen Anspielungen auf Krieg, Zerstörung und Barbarei versieht. Bobrowskis Erinnerungslandschaften („Dorf“, „Die Memel“, „Schattenland“) und Huchels eingeschwärzter Naturraum („Die Pappeln“, „Chausseen, Chausseen“) lassen gar nicht erst den Verdacht aufkommen, es handle sich hier um einen Rückzug ins Idyll. Zwischen 1945 und 1960 stechen in der Anthologie das Genre des Naturgedichts und die mit ihr verknüpfte Tages- und Jahreszeitenlyrik mit immer neuen Variationen hervor.
Das Genre bleibt ein Aktivposten der DDR-Lyrik. In den 1960er und 1970er Jahren entzündet sich sogar an Karl Mickels Gedichten „Der See“ und „Die Elbe“ eine öffentliche Debatte um eine Naturpoesie, die sich mechanistischem Fortschrittsdenken und der Ideologie einer sozialistisch vergesellschafteten Landschaft verweigert. Gerade die Natur, so zeigt Wulf Kirstens Lyrik eindringlich, ist voller Zeichen und Spuren ausgebeuteter, abgenutzter, zerstörter Landschaft, in der abgehärmte, der Natur entfremdete Menschen siedeln. Auch Sarah Kirschs Anfänge als Naturlyrikerin reichen bis in die Lehrjahre am Literaturinstitut Johannes R. Becher zurück, dem mit Georg Maurer bis 1970 ein prominenter Verfasser von Naturgedichten vorstand.
Längst nicht alle Beispiele der Naturlyrik sind chiffrierte, programmatisch angelegte Zeitpanoramen, wie bei Huchel und Bobrowski, Mickel und Kirsten. Kontinuierlich über Jahrzehnte hinweg entwickeln Gedichte mit Titeln wie „Silberdistel“ (Cibulka 1953), „Dezember“ (Steiniger 1956), „Singende Amsel“ (Lorenc 1964), „Nur in den Niederungen liegen die Nebel…“ (Eggers 1972), „Winterlandschaft“ (Preißler 1979), „Weg im Dezember“ (Eckart 1983) und „Ostern in der Wendischen Heide“ (Dyrlich 1986) eine perspektivische Sicht außerhalb der großen Zentren und der großen Politik: Der Blick auf die DDR entzündet sich an einer ländlichen-dörflichen Szenerie, die mehr verrät vom Alltag und vom Eigensinn des individuellen Standpunkts als Parteitagsbeschlüsse und Zeitungsdebatten. In diesem Zusammenhang fällt eine große Anzahl von Gedichten aus der Feder von Lyrikerinnen auf, deren Wahrnehmung sich an der alltäglichen Erfahrung von Widersprüchen auf allen Ebenen der Gesellschaft entzündet. Eine lange unentdeckte Autorin wie Inge Müller, Sarah Kirschs Gedichte, die poetischen Anfänge Christa Reinigs und Helga M. Novaks sind hier zu nennen, aber auch Annerose Kirchner, Gabriele Eckart und schließlich Lyrikerinnen der 1980er Jahre, wie Barbara Köhler, Kathrin Schmidt und Kerstin Hensel. Die für die Anthologie ausgewählten Gedichte spiegeln ein breites Spektrum weiblichen Schreibens in der DDR, das sich nicht auf Klischees wie ,sozialistische Frauenlyrik‘ reduzieren lässt.
Ohnehin sind Zweifel angebracht, über vierhundert Autorinnen und Autoren mit ein paar Etiketten zu versehen. Völlig unhaltbar erscheint auch die vor allem im Westen immer noch verbreitete Ansicht, die Lyrik der DDR sei gleichsam eine einzige große Auftragsarbeit zur aktuellen Propaganda politischer Leitlinien des sozialistischen Staates gewesen. Agitationsgedichte und Stalinhymnen, wie etwa Jens Gerlachs Gedicht „Schwarz trauern des Himmels Planen“ (1953), waren schon in den ersten Nachkriegsjahren kaum mehr als plumpe Pflichtübungen, welche die literarische Agit-Prop-Tradition der Arbeiterbewegung vor 1933 nicht mehr beleben konnten, so dass dieses Genre schnell auslief. Die Zeit zwischen 1945 und 1960 wurde, wie die Anthologie illustriert, keineswegs durch politische Themen dominiert. So schrieb ein Autor wie Johannes R. Becher, der erste Kulturminister der DDR, neben Texten zu Faschismus, Krieg und Wiederaufbau auch Gedichte wie „Gras“ (1949), in denen die Ich-Figur eine brüchige, von innerer Erregung bestimmte, schwankende Identität offenbart.
Erst der Mauerbau 1961 schuf mit seinen harten Fakten die endgültigen Voraussetzungen für einen nun von der DDR-Führung gewollten kulturellen Sonderweg, der mit Etiketten wie ,DDR-Literatur‘ und ,DDR-Lyrik‘ seine Eigenständigkeit demonstrierte. Wer die 1960er Jahre allerdings aus heutiger Sicht Revue passieren lässt und die neuen lyrischen Stimmen in West und Ost miteinander vergleicht, dem fallen verblüffende Analogien auf. Dem Intellektualismus eines Enzensberger und eines Rühmkorf entspricht die forcierte Intellektualität Volker Brauns und Karl Mickels; für alle wird Brecht eine Zeitlang zur Bezugsfigur – bei gleichzeitiger Abgrenzung zur Erhebung Brechts zum klassizistischen Denkmal: „So wurde er Klassiker und ist begraben“, heißt es sarkastisch in Volkers Brauns Gedicht „Zu Brecht, die Wahrheit einigt“ (1975).
Die westliche Resonanz auf die in der DDR produzierte Literatur wurde durch den Mauerbau nicht gedämpft, sondern eher noch erhöht – wie überhaupt die Verbindungen und Beziehungen zwischen der bundesrepublikanischen und der ostdeutschen Lyrik die deutschsprachige Dichtung prägten. So fand die Lyrikergeneration Wolf Biermanns, Sarah Kirschs und Volker Brauns schon seit den 1960er Jahren ein neugieriges Lesepublikum im Westen. Germanistische Forschungen zur DDR-Literatur häufen sich in der BRD seit den 1970er Jahren, auch wenn das Interesse stets von zwei Faktoren bestimmt wurde: erstens von einer von politisch-gesellschaftlichen Inhalten geprägten Lektürepraxis, die in den Texten offene und unterschwellige politische Anspielungen aufzuspüren versuchte und ästhetische Fragehorizonte weitgehend ausblendete, und zweitens von der Fokussierung des Blicks auf ein personell eng begrenztes Segment von Autoren. Bald nach 1990 verlor dieser Autorenkanon seine Konturen, die Exklusivität der Namen verblasste ungewöhnlich schnell.
Die Anthologie spiegelt diese veränderten Perspektiven wider: Zwar sticht, gemessen an der Anzahl ausgewählter Gedichte, der kleine Kreis der seit Jahrzehnten in West wie Ost bekannten Lyrikerinnen und Lyriker hervor. Zugleich aber präsentiert die Sammlung ein so breites Namenspektrum, dass ein neuer Blick auf das gesamte lyrische Feld ermöglicht wird. Daher gehören Gedichte von Autoren wie Peter Gosse, Wolfgang Hilbig, Bert Papenfuß (-Gorek), Richard Pietraß, René Schwachhofer und B.K. Tragelehn selbstverständlich in die Anthologie-Auswahl, ebenso aber auch die große Gruppe der aus Gründen des Umfangs und der Überschaubarkeit nur mit einem oder zwei Texten repräsentierten Schriftsteller.
Die DDR war ein recht kleines Land, aber sie war ein Land, das innerhalb der deutschsprachigen Literatur ein eigenes Segment repräsentierte. Für einen gewissen Regionalismus im alltäglichen Kulturbetrieb allerdings gab es manche Anhaltspunkte. Die meisten Lyrikerinnen und Lyriker der DDR kannten sich persönlich, es gab langjährige persönliche Freundschaften und jahrzehntelang gepflegte Konkurrenzen. Das literarische Feld war zumindest in den ersten Jahrzehnten hierarchisch geordnet: Die großen Namen, an deren Resonanz die Rezeption im Westen einen starken Anteil hatte, waren von besonderen Einfluss in den literarischen Debatten, die es bis in die 1970er Jahre hinein gab. Die Geschichte der DDR-Lyrik lässt sich daher auch als Geschichte von Bezugsfiguren, Katalysatoren, ja von Ratgebern und individuellen Förderern verstehen. Solche Rollen hatten lange Zeit Stephan Hermlin und Georg Maurer inne, später auch Franz Fühmann, Elke Erb und in begrenztem Umfang Karl Mickel, Volker Braun und Heiner Müller. Es ging dabei nicht um die Bildung von Dichterschulen und Stilbewegungen; so hat Maurer, dessen Werk durch den lyrischen Traditionalismus der Vorkriegszeit geprägt wurde, in seiner langjährigen Arbeit am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher keine Stimmenimitatoren gefördert – zu seinen Schülerinnen und Schülern gehörten u.a. Heinz Czechowski, Adolf Endler, Rainer und Sarah Kirsch –, sondern die Herausbildung einer eigenen, unverwechselbaren lyrischen Handschrift.
Solche Förderung zielte nicht auf Einheitsstile und Einheitspoetiken. Das Formenrepertoire war breit ausgefaltet: geschrieben wurden Sonette, Elegien, Madrigale, Epigramme, Epitaphe, Lieder, Oden, Distichen, Widmungsgedichte, Reimlyrik, Spruchdichtung, Natur- und Großstadtgedichte, Zeitlyrik und eine Vielzahl von Liebesgedichten. Seit den 1960er Jahren setzte sich, geschult an und legitimiert durch Brechts Plädoyer für reimlose Gedichte mit unregelmäßigem Rhythmus, in der DDR wie in der gesamten deutschsprachigen Lyrik der Typus des Kurzgedichts durch, dessen Kennzeichen eine pointierte, fast provisorisch in Verse und unterschiedlich lange Strophen gebrochene, prosaischer Rede angenäherte Kompositionsform ist. Solche Gedichte meiden den pathetischen Sprachduktus und sind – bei aller Komplexität der sprachlichen Wendungen und Bilder im Detail-leserfreundlichen Maximen wie ,Verständlichkeit‘ und ,ästhetische Transparenz‘ verpflichtet.
Ausnahmen, darunter eine Reihe der besten DDR-Lyriker, bestätigen die Regel. In die Nähe von Paul Celan und Ernst Meister gehört Erich Arendt mit seinen teils wuchtigen, teils lakonisch verdichteten Gedichten, die sich (wie schon Huchels und Bobrowskis Gedichte) deutlich vom Parlando-Stil des Kurzgedichttypus unterscheiden. Innerhalb der chronologischen Gedichtabfolge der Anthologie wirken seine Poeme wie exzeptionelle Zäsuren, die autonomen Kompositionsprinzipen verpflichtet sind. Ausnahmen sind aber auch Elke Erbs Lyrik und die großen, panoramaartig angelegten Gedichte Volker Brauns und Karl Mickels, an deren Komplexität sich manches Politbüro-Mitglied vergeblich abmühte (mit entsprechenden Verwerfungen der Texte); Heiner Müller hat diesen Typus des Panoramagedichts noch in den 1990er Jahren fortgeführt.
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist es an der Zeit, die Poetik und Ästhetik der DDR-Lyrik neu zu erschließen; dies wird auf Dauer zu einem veränderten Lyrikkanon führen. So sind neue Blicke auf Autoren wie Wolfgang Hilbig und den früh verstorbenen Uwe Greßmann lohnenswert, die schon früh eine vom mainstream weit entfernte, eigene Gedichtpoetik entwarfen. Greßmanns und Hilbigs Texte sind sprachlich bis ins Letzte durchgearbeitet und haben eine unverwechselbare Signatur. Greßmanns lyrischer Kosmos („An die Erde“, 1966; „Das Sonnenauto“, 1972) lebt einzig aus dem Ineinander der Bildfugen und Metaphernchiffren, eine autonome poetische Welt, deren Fundament die dichterische Sprache selbst ist. Hilbigs Gedicht „Landschaft“ (1966) akzentuiert die Position des lyrischen Subjekts als eines einsamen, außerhalb konventioneller Freundschafts- und Gemeinschaftsidylle stehenden Ichs:

laßt die astern verrecken in ihren vasen
und die anderen mit kleinen köpfen laßt
wein trinken oder wodka gläser auf mich
heben mir freundliche fragen stellen
ich bin erde heut ich werde
kein wort wechseln mit
denen..

Noch konsequenter und offener fällt die Erkenntnis bedrückender Isolation in einem Gedicht mit dem programmatischen Titel „abwesenheit“ (1969) aus:

und wir werden nicht vermißt unsere worte sind
gefrorene fetzen und fallen in den geringen schnee
wo bäume stehn prangend weiß im reif – ja und
reif zum zerbrechen

Im selben Jahr, als dieses Gedicht veröffentlicht wurde, hielt der in der DDR viel verbreitete Lyriker Helmut Preißler auf dem VI. Schriftstellerkongress ein Referat, in dem er die Gedichte der jüngeren Autorengeneration heftig angriff und von „zunehmend schwächlicher, blutarmer und indifferenter Lyrik“ sprach. Vor allem das Argument, die Gedichte verbreiteten eine pessimistische, depressive und destruktive Stimmung, verhinderte nicht nur manchen Gedichtband und manche Zeitschriftenveröffentlichung, sondern gefährdete auch die Position des Autors, der auf Verlage, Lektoren, Kritiker und die staatliche Kulturadministration angewiesen war. 1968 wurde der Lyriker Andreas Reimann, der gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag protestiert hatte, verhaftet und zwei Jahre eingesperrt.
Am Beispiel von Anthologien, die in der DDR erschienen und oft eine hohe Resonanz beim Lesepublikum und im Literaturbetrieb innerhalb und außerhalb des Landes hatten, ist der große Einfluss der Entscheidungsträger nachgewiesen worden. So wurde der im Aufbau Verlag für die missliebige Anthologie Saison für Lyrik (1969) zuständige Lektor Joachim Schreck aus der SED ausgeschlossen und aus dem Verlag entfernt. 1981 wollte Franz Fühmann, einer der langjährigen Förderer jüngerer Schriftsteller, eine Gedichtanthologie mit noch wenig oder gar nicht bekannten Lyrikern herausbringen; die Publikation kam nicht zustande, wozu es sogar eines Verbots durch das ZK der SED bedurfte – derart gefährlich wurden die neuen Stimmen eingeschätzt.
Es gab in der DDR ein verzweigtes Gutachterwesen, das teils offen, teils hinter den Kulissen Gedichte und Autoren gleichermaßen beurteilte, Vorschläge für Streichungen und Abänderungen von Texten machte. Dass Gedichte derart brisant sein konnten und im Glauben an die Macht des Wortes sehr ernst genommen wurden – als ob ein paar Verse die Herrschaft der Mächtigen überhaupt tangieren –, zeigt in der Retrospektive deutlich an, wie groß das traumatische Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung war und wie wenig Selbstbewusstsein die politischen Institutionen der DDR einschließlich des offiziellen Kulturbetriebs in allen Jahrzehnten entwickelten: Sie trauten dem eigenen Staat entschieden weniger zu als viele Autoren, deren kritisches Gedichtpotenzial zumindest bis zur Zäsur der Biermann-Ausbürgerung verblüffend konstruktive, auf die Veränderung, nicht aber auf die Abschaffung der DDR gerichtete Gedanken enthielt. Der Bogen reicht von Volker Braun über Adolf Endler bis zu Bernd Jentzsch.
Im weiten Spektrum der DDR-Lyrik nehmen einige Genres einen besonderen Platz ein; die Anthologie repräsentiert sie daher mit einer ganzen Reihe von Gedichten. Schon 1945 entsteht eine Poesie des Erinnerns, die Faschismus, Nazi- und Kriegsgräuel thematisiert und dabei ohne das Stechschritt-Pathos öffentlicher Gedenkrituale in der DDR auskommt. Huchel und Bobrowski zeichnen den Weg vor, indem sie in ihren Texten keine Meinungen und Parolen verbreiten, sondern vom Lesepublikum selbst die sprachliche Durchdringung ihrer poetischen Erinnerungslandschaften erwarten. Dieser Grundsatz gilt auch für eine Reihe anderer Gedichte, wie für Hermlins „Die Asche von Birkenau“ (1949) und Armin Müllers „Birkenau“-Gedicht (1953), aber auch für Waltraud Hauffs Erinnerung an den bürgerlichen antifaschistischen Widerstand im Gedicht „In Gedenken an Sophie und Hans Scholl“ (1971) und für Walther Petris Gedicht „Ehemaliges Konzentrationslager“ (1974). Wie eigenständig das literarische Gedächtnis gegenüber der Memorialpolitik des Staates sein kann, zeigt sich in den über alle Jahrzehnte nachweisbaren Holocaust-Gedichten innerhalb der DDR-Lyrik. Beispiele dafür sind Armin Müllers „Auschwitz-Prozeß“ (1965), Uwe Grünings „Gesang im Feuerofen“ (1968), Walter Werners „Synagoge Aschenhausen“ (1974) und Willi Sagerts „Jüdischer Friedhof Prag“ (1976).
Ein weiteres Genre der DDR-Lyrik ist der Typus des Deutschland-Gedichts, das im Westen keine große Bedeutung hatte, während es in der DDR, an die Tradition Heinrich Heines und des Vormärz anschließend, eine eigene Kontinuität herausbildete. Schon in den 1940er Jahren schrieben Bertolt Brecht und Johannes R. Becher Deutschland-Gedichte; in den 1960ern trat Wolf Biermann mit programmatischen, in West und Ost gleichermaßen auf große Resonanz stoßenden Deutschland-Liedern hervor. Und auch in den 1980er Jahren – bis zur Wende- und Nachwendezeit – finden sich beispielsweise bei Barbara Köhler, Uwe Kolbe und Kurt Drawert hoch reflexive Bestandsaufnahmen zur subjektiv erfahrenen, ja durchlittenen Zeitgeschichte.
Eine wahre Renaissance des Deutschland-Gedichts gibt es in den 1990er Jahren, als das traditionsreiche Genre noch einmal die Chance bot, sich mit den nun kaum noch wahrgenommenen Möglichkeiten der Lyrik gegen die von Politik und Massenmedien hymnisch inszenierte Feiertagsvision des BRD-Anschlusses als schöne Aussicht auf blühende Landschaften zu stellen: skeptisch, (ver-)zweifelnd, ablehnend. Diese Position war keineswegs überraschend, sondern erwies sich als Konsequenz der Selbstverortung lyrischer Stimmen aus der DDR, die beharrlich am Konzept der poetischen Subjektivität als Ausdruck ihres gesellschaftskritischen Potenzials festhielten. Nach 1990 gehörten daher eine große Anzahl von Autorinnen und Autoren, welche die DDR lange vorher verließen, zur Gruppe derer, die aus kritischer Distanz die politisch-gesellschaftlichen Konstellationen der im Zeichen der Vereinigung stehenden Wende- und Nachwendezeit beobachteten. Ein markantes frühes Beispiel ist Reiner Kunzes Gedicht „Die Mauer“ (1990), das zwanzig Jahre nach dem Mauerfall noch nichts an Aktualität verloren hat:

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont

In den 1990er Jahren existiert die DDR-Lyrik in einem virtuellen, posthistorischen Raum weiter und bildet ein klar konturierbares Segment innerhalb der lyrischen Produktion älterer wie jüngerer Autoren aus der ehemaligen DDR. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung leicht nachvollziehbar, die Konzeption der Anthologie über das Wendejahr 1990 hinaus bis zum Jahr 1999 weiterzuführen. Allerdings repräsentiert die Auswahl dieser Dekade vor allem solche Gedichte, die sich in den aktuellen DDR-Diskurs einmischen – im Glauben an eine literarische Gattung, deren Subjektivität den Anspruch und die Souveränität einer poetischen Stimme bewahrt.
Das kritische Potenzial der DDR-Lyrik wird schließlich auch in einem Genre sichtbar, das die Möglichkeiten parodistischer und satirischer Verspottung erprobt, stets an den Grenzen anspielungsreicher Doppeldeutigkeit, die unterschiedliche Auslegungen, aber kaum echte Zweifel am Pointenreichtum und Witz der Gedichte zulässt. In diesem Kontext stehen manche Gedichte von Peter Hacks, die sozialistischen Kleinbürgersatiren von Kurt Bartsch, polemische Epigramme Adolf Endlers und schließlich Gedichte Thomas Rosenlöchers, der die satirisch-karikaturistische Tradition über die Zäsurmarke von 1990 fortsetzt und im Gedicht „Das Immobilistenballett“ (1996) die Kaufrausch- und Wildwest-Stimmung bundesrepublikanischer Schnäppchenjäger der Nachwendezeit treffend illustriert.
Die Aktualität dieser Texte verweist auf die immer noch virulente Kraft einer Lyrik, die keineswegs schon der routinierten Erinnerungsarbeit literarischer Archivgänger anheim gefallen ist. Es besteht sogar die Chance, den historischen Abstand zu nutzen: mit überraschenden Lesarten, Wieder- und Neuentdeckungen und nicht zuletzt mit vergnüglicher Neugierde.
Zwanzig Jahre nach der Maueröffnung erscheint Brechts Klage „O Deutschland, wie bist du zerrissen…“ (1952) wie ein fernes Echo – beim flüchtigen Blättern. In der Korrespondenz jedoch mit dem Abschlussgedicht der Anthologie, Wolf Biermanns im Heine-Ton geschriebenem Bekenntnis „Um Deutschland ist mir gar nicht bang“, erhält Brechts Vers eine neue, aktuelle Antwort in einem Fazit ohne Bitterkeit, aber auch ohne die Illusion, nach dem Untergang der DDR endlich in einer unentfremdeten Welt angekommen zu sein:

Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen

Hermann Korte/Heinz Ludwig Arnold, Nachwort

 

Diese einzigartige Gedicht-Anthologie –

Ergebnis einer systematischen Recherche an der Universität Siegen – basiert auf einem weiten Begriff von DDR-Lyrik und beschränkt sich weder auf einen engen Kanon populärer Autoren noch auf bestimmte Themen und Inhalte
Die chronologische Reihung in Jahresschritten erlaubt es dabei dem Leser, Parallelen zum historischen Prozess, Kontinuitäten und Brüche selbst aufzuspüren.
Aktualität und kritisches Potential vieler Texte verweisen auf die virulente Kraft einer Lyrik, die keineswegs schon der routinierten Erinnerungsarbeit literarischer Archivgänger anheimgefallen ist. Im Gegenteil: Nutzen wir den historischen Abstand für überrraschende Lesarten, für Wieder- und Neuentdeckungen in einem breiten Spektrum lyrischer Genres, Schreibweisen, Sprachstile, Themen und Positionen, die ihre Originalität und ihren Eigensinn gegen den Druck staatlicher Kontrollinstanzen erfolgreich behaupteten.

S. Fischer Verlag, Klappentext, 2009

 

Anthologie mit verschiedenen Stimmlagen

– Mit Lyrik der DDR erscheint nach 100 Gedichte aus der DDR die zweite DDR-Lyrik-Anthologie innerhalb eines Jahres. Angesichts des größeren Umfangs hätte ein durchaus vorhandener Wissenshunger gestillt werden können. Doch die Anthologie lässt Wünsche offen. –

Mit Lyrik der DDR erscheint nach 100 Gedichte aus der DDR die zweite DDR-Lyrik-Anthologie innerhalb eines Jahres. Ein Grund für die intensive Betrachtung der lyrischen Produktion in der DDR dürften die beiden Jahrestage sein: 1949, vor 60 Jahren, wurde die DDR gegründet und vor 20 Jahren, 1989, leitete die Maueröffnung ihr Ende ein.
Der Band Lyrik der DDR beginnt vier Jahre vor der Gründung der DDR und endet zehn Jahre nach dem Mauerfall. Diese zeitlichen Zäsuren machen deutlich, dass die Herausgeber bei der Auswahl der Gedichte einen durchaus weiten Begriff von DDR-Literatur zugrunde gelegt haben, der so – wie sie es im Nachwort betonen – fast fragwürdig erscheint.
Sie beschränken sich nicht auf die Lyrik, die in vier Jahrzehnten in der DDR erschienen ist, sondern sie nehmen auch Gedichte von Autoren auf, die, wie zum Beispiel Günter Kunert, Sarah Kirsch, Reiner Kunze und Uwe Kolbe, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann (1976) die DDR verließen und ihre Texte fortan in der Bundesrepublik veröffentlichten. Berücksichtigt werden aber auch Lyriker, die sich wie Lutz Seiler erst nach dem Untergang der DDR einen Namen gemacht haben.
Insgesamt wurden für die Anthologie rund 500 Gedichte von 180 Autoren ausgewählt. Das ist eine stattliche Anzahl. Dennoch ist zugunsten der Masse manches Ungleichgewicht auffällig, wenn etwa von Thomas Brasch und Richard Leising ebenso viele Gedichte (jeweils zwei) in dem Band erscheinen, wie von Margarete Neumann und Gisela Kraft. Mit 14 Gedichten ist Günter Kunert am häufigsten vertreten, es folgen Adolf Endler (12), Volker Braun (11), Bertolt Brecht, Johannes Bobrowski und Wulf Kirsten (9), Erich Arendt, Wolf Biermann, Heinz Czechowski und Peter Huchel (8) und jeweils sieben Gedichte wurden von Kurt Drawert, Durs Grünbein, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Karl Mickel, Heiner Müller und Bert Papenfuß aufgenommen. Der 1890 geborene Erich Weinert ist der älteste Autor, der sich in dem Band findet, Johanna Lüdde, geboren 1979, ist die jüngste Autorin – von ihr wurde das Gedicht „Schöpfung“ ausgewählt.
Allein diese Namen, die nicht nur verschiedenen Generationen angehören, sondern in deren Herkunft und in deren künstlerischer Entwicklung sich auch unterschiedliche Hoffnungen auf die DDR spiegeln, machen deutlich, welche verschiedenen Stimmlagen diese Anthologie präsentiert. Das zeichnet sie aus. Sie ist umfassend und sie will als Chronik gelesen werden, denn die ausgewählten Gedichte sind chronologisch den Jahren von 1945 bis 1999 zugeordnet, wobei für die Auswahl „nicht das Entstehungsjahr, sondern das Erscheinungsdatum der Texte“, entscheidend war, wie es im Nachwort heißt.
Somit wird der entscheidende Aspekt auf den historischen Prozess gelegt. Das überzeugt für die Nachkriegsjahre und die Aufbauphase, wird aber später nicht konsequent durchgehalten. Sträflich vernachlässigt wurden für die 80er-Jahre die Lyriker des Prenzlauer Berg und für das zäsursetzende Jahr 1989 findet sich kein ultimatives Grenzfallgedicht. Auch bei der zeitlichen Zuordnung – die gerade bei dieser Gliederung verlässlich sein sollte –, haben sich einige Fehler eingeschlichen. So findet sich Volker Brauns „Das Eigentum“, entstanden im Juli 1990, erstmals im August 1990 vor dem Beitritt der DDR zur BRD veröffentlicht, in der Anthologie erst unter jenen Gedichten, die für das Jahr 1993 stehen.
Unnötig wird der Gebrauch der Anthologie dadurch erschwert, dass die Herausgeber auf ein Inhaltsverzeichnis verzichten und nur über das Namenregister oder das Quellenverzeichnis zu erfahren ist, welche Autoren mit welchen Gedichten vertreten sind. Nach den appetitmachenden 100 Gedichten aus der DDR hätte angesichts des größeren Umfangs mit Lyrik der DDR ein durchaus vorhandener Wissenshunger gestillt werden können. Doch da lässt die Anthologie Wünsche offen. Vielleicht sollte man für die Zukunft, wenn es um die weitere Aufbereitungen der DDR-Lyrik geht, auch diejenigen einladen daran mitzutun, die entweder an der in diesem Land entstandenen Literatur mitgeschrieben haben, oder aber aus einer Innensicht über nicht ganz unwichtige Kenntnisse auf diesem Gebiet verfügen. Ein Nachteil wäre es gewiss nicht.



Michael Opitz, Deutschlandradio Kultur, 3.10.2009

DDR, lyrisch

Da sind sie versammelt, die LyrikerInnen der DDR: von Erich Arendt über Bert Brecht, Elke Erb, Peter Huchel, Sarah Kirsch bis Christa Reinig. Bis zuletzt Gebliebene, Ausgebürgerte und Ausgewanderte. Klingende Namen einer grossen Tradition, die die (westdeutschen) Herausgeber Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte mit Gedichten chronologisch vorstellen. Der Zeitraum reicht von 1945 bis 1999. Die DDR hatte auch eine literarische Vorgeschichte, und erst heute dreissig- bis vierzigjährige AutorInnen stehen nicht mehr in der literarischen DDR-Tradition.
Für viele indessen gilt die Zeile aus dem berühmt gewordenen Gedicht „Das Eigentum“ (1990) von Volker Braun, in dem es noch heisst: „Was ich niemals besass, wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.“ Zu Recht verweisen die Herausgeber darauf, dass in den fünfziger Jahren das Naturgedicht die gesamte deutschsprachige Literatur dominiert, obschon sich unter den abgedruckten Gedichten der Nachkriegszeit auch viele „politische“ finden. Mit noch grösserer Berechtigung verweisen sie darauf, dass der Lyrik in der DDR eine „aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare obrigkeitsstaatliche Aufmerksamkeit“ zuteil wurde. Wenn man die heutige gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit von Gedichten betrachtet, scheint diese Zensur von Lyrik Lichtjahre entfernt.
Oft konnte man in den achtziger Jahren ein deutschsprachiges Gedicht nicht allein am Thema, vielmehr an seiner Machart als Gedicht aus der DDR identifizieren. Die dortige Lyrikproduktion blieb weitgehend unbeeinflusst von artifizieller Hermetik, neuer Subjektivität oder dem aus den USA importierten Alltagsparlando westdeutscher Lyrik nach 1968. Stattdessen fühlte sie sich der Tradition der deutschen Klassik und Moderne verpflichtet, war also viel „deutscher“ als die westdeutsche Poesie.
Beachtlich, dass ein Verlag es wagt, ein solch umfangreiches, kaum bestsellerträchtiges Standardwerk herauszugeben.

Jochen Kelter, Die Wochenzeitung, 12.8.2010

Ein Vers – zu sagen, wie es war

– Wer über das lyrische Schaffen der Deutschen Demokratischen Republik (1949–1990) ohne auftrumpfende Gebärde Rechenschaft ablegen will, der wird heutigen Tages, den neuen, famosen Band Lyrik der DDR vor Augen, auf mehrerlei Weise Abbitte leisten müssen. –

Im Arbeiter-und-Bauern-Staat wurde nicht nur bienenfleißig, sondern meistens sogar regelkundig gedichtet. Mehr noch: In den besten Gedichterzeugnissen des „anderen“ Deutschland bekundet sich eine Sprachlust, die alle bekannten Einschreibungen, darunter die Zwangsverpflichtung auf das stark einseitige, „sozialistische“ Weltbild, mit vielfach verblüffender Leichtigkeit transzendiert. Und, ja: AutorInnen wie Kirsch, Braun, Hilbig oder Bobrowski schlagen das Gros der zeitgleich in der Bundesrepublik tätigen Reimschmiede souverän aus dem Feld. An die Dichtung im geteilten Land erinnern, das heißt: den Blick auf das Jürgen-Sparwasser-Tor von 1974 lenken. Das Endergebnis lautete damals bekanntlich: DDR – BRD 1:0.
Doch man muss genauer nachschauen. Die auf Parteilichkeit verpflichtenden Zwänge der DDR sind das trockene Brot jener Dichter, die von Anfang an zwei Bedingungen zu erfüllen haben. Erstens: Mit der Vernichtung des Nazi-Regimes wird in der industriell strukturschwachen Osthälfte Deutschlands ein völlig neuartiges Feld gesellschaftlicher Praxis geschaffen. Man erlebt die Moderne. Man besitzt nur leider nicht die erforderlichen Produktionsmittel, um den Fortschritt für alle in gleicher Weise vernünftig erlebbar zu machen.
Dichter, die das staatseigene Experiment leidlich empathisch begleiten, dürfen sich des Wohlwollens der Einheitspartei SED und ihrer Kulturdezernenten vorläufig – wenigstens bis zur Proklamation des „Bitterfelder Weges“ 1964 – sicher sein. Die Autorinnen und Autoren sind auch wirklich treue Parteigänger. Ulbrichts System stellt sie unter Kuratel. Aber: Man fördert die Schreiber. Sie fühlen sich irgendwie wertgeschätzt.
Dichter sind Fürstenerzieher. Ihr wahrer Souverän ist unter den beschriebenen Bedingungen aber das Proletariat, in dessen „Interesse“ sie gefälligst so zu schreiben haben, dass der Kombinatsarbeiter auch nach Schichtschluss kapieren kann, was in einer Gedichtstrophe vor sich geht.
DDR-Lyrik tendiert daher nicht nur unter dem Eindruck von Übervater Bertolt Brecht zur epigrammatischen Knappheit. Schmuck- und Füllwörter sind bürgerlicher Dekadenzkram. Der „Formalismus“-Vorwurf wird recht bald zum Totschlagargument.
Die Folgen einseitiger Verknappung liegen freilich auf der Hand. Dort, wo DDR-Lyrik formelhaft wird, leidet sie unter akutem Vitaminmangel. Sie ist dann geradezu spektakulär schlecht. Wir kommen zu Punkt Nummer zwei: Schlechte gesellschaftliche Voraussetzungen – die doch niemals offen ausgesprochen werden dürfen – erzeugen mitunter schlechte Verse. Doch allein aus diesem Umstand ließe sich noch nicht erklären, warum so viele Gedichte – von Peter Huchel, von Wolfgang Hilbig – so unerhört, so einzigartig wohlgelungen sind. Der eine druckte in Sinn und Form ab; der andere, die Hände vom Schamottofen noch nicht sauber, schrieb Registraturen eines buchstäblich untröstlichen Subjekts, gegen das sich die Naturkräfte verschworen zu haben schienen. Es führen nahezu beliebig viele Wege zum gelungenen Gedicht!
Wenn man während der Gründungsjahre allerlei anverdauten Rilke liest, so kann man sich immerhin auf das späterhin Geglückte freuen: Der von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte unter Zuhilfenahme emsigen Studentenfleißes edierte Band geht streng chronologisch und in Wahrheit gar nicht qualitätsheischend vor. Wolf Biermann, den sie 1976 hinauswarfen, wusste schon tief in den Sechzigern: „Die Gegenwart … ist mir der bittre Anfang nur, schreit / Nach Veränderung…“
Gedichte aber, die nur der Vorgriff auf letztlich paradiesische Verhältnisse sind, können gar nicht „glücken“. Sie sind authentischer Ausdruck von Mängeln, die es zu überwinden gilt. Man kann hellauf lachen: „Moskau!! Wie frei das klingt, / wie das jubelt und singt…“, dichtete Kurt Huhn in den 1950ern. Andere wieder glaubten feststellen zu müssen: „In Bonn hat Deutschland aufgehört zu sein…“. Der Witz liegt in der Nennung des Autors: Rudolf Bahro durchlebte wenige Jahre später ein lupenreines Dissidentenschicksal.
Es gibt freilich Verse aus der Feder Volker Brauns („Sächsische Dichterschule“), die – mit einem unmodernen Wort gesprochen – schlechthin inkommensurabel sind, die bleiben werden. Nur im Gelingen – wie späterhin auch bei Papenfuß-Gorek oder Grünbein – wird deutlich, dass gesellschaftliche Bewegungen auch dann, wenn sie ins Abseits drängen, Energien freisetzen. Die Dichter benützen diese; sie wissen die Wiedervereinigung dann auch kaum zu schätzen. Gesagt, wie es wirklich war – das haben jeweils nur sie.

Ronald Pohl, Der Standart, 26.9.2009

Auferstanden aus Ruinen?

– Zwei neue Anthologien besichtigen die Lyrik der DDR. –

Sie stand am Anfang einer neuen Zeit – und wagte es, die angeblichen „Errungenschaften“ dieser neuen Zeit mit poetischem Eigensinn in Frage zu stellen. Sie fragte nach der Haltbarkeit der neuen sozialistischen Utopien – und fand so viele skeptische Antworten, dass den politischen Administratoren dieser Utopie Hören und Sehen verging. Sie war eine „eigene Stimme“, auch wenn viele Leser und Kritiker an ihrem Status als „Nationalliteratur“ gezweifelt haben mögen. Die Lyrik der DDR – sie hat sich in ihren besten Werken nie zum bloßen Ornament der Macht reduzieren lassen, sondern blieb ein beständiger Unruheherd. Nun ist sie, zwanzig Jahre nach dem Untergang des SED-Staates, auch in ihrer biografischen Verkörperung durch maßstabsetzende Autoren an ihr Ende gekommen. Mit Adolf Endler und Heinz Czechowski sind im Jahr 2009 zwei Zentralgestalten der DDR-Lyrik gestorben, die das Profil dieser Literatur entscheidend geprägt haben. Von einer dritten Portalfigur der DDR-Poesie, Louis Fürnberg (1909–1957), wäre der 100. Geburtstag zu würdigen – was bislang kaum geschehen ist. Der schelmische Anarchist Adolf Endler, der es seit den 1970er Jahren vorzüglich verstand, der sozialistisch unterentwickelten Gesellschaft „immer wahnsinnigere Fratzen“ zu schneiden, war in seinen Gedichten ein wunderbar unfeierlicher Desillusionierungskünstler. Louis Fürnberg, der einzige Überlebende einer jüdischen Familie aus Prag, war 1954 in die DDR gekommen und gab sich alle erdenkliche Mühe, politische Konformität zu beweisen – was ihm 1956 den Nationalpreis seines Landes eintrug. Aber zu seinem ästhetischen Glück ist es ihm nie wirklich gelungen, „wider seine bessere Überzeugung aus sich einen orthodoxen Stalinisten zu machen“ (Hans Mayer). Heinz Czechowski wiederum, der seine poetische Subjektivität gegen die Kollektivlüge der Partei-Doktrinen stemmte, verzweifelte nach dem Umbruch von 1989. In seinen letzten Lebensjahren zelebrierte er nur mehr die sarkastische Kommentierung der eigenen Verfallsgeschichte. In seinem ganzen Habitus zum „furor melancholicus“ (Wolfgang Emmerich) geworden, hatte sich „Czecho“, wie ihn seine Freunde nannten, auf die sarkastische Position zurückgezogen, er verstehe sich als sein „eigener Pflegefall“. Depressionen und Einsamkeitsgefühle taten ein Übriges, um eine Poetik des Fatalismus zu generieren. So lieferten „Czechos“ Gedichte am Ende nur noch das Selbstporträt des Dichters als unerlöste Hiob-Gestalt, als mürrischer Nachtmensch, der im Alkohol versinkt.
In ihrer posthumen Bestandausnahme der DDR-Lyrik haben nun zwei aktuelle Anthologien die literarische Schlüsselrolle dieser drei Dichter doch recht unterschiedlich akzentuiert. Mit ihrer Risikobereitschaft und dem forschen Zugriff auf 100 fast durchweg aufregende und bewahrenswerte Gedichte aus der DDR hat die von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach zusammengestellte Anthologie durchweg die glücklichere Hand. Nur bei Buchwald/Wagenbach rückt Heinz Czechowski in die literarische Zentralposition, die ihm gebührt. Im Kapitel „Die Geräusche meines Lands“ wird hier demonstriert, wie der intertextuelle Dialog zwischen den Poeten der „Sächsischen Dichterschule“ funktioniert hat. Auf Heinz Czechowskis enthusiastischen Hymnus auf die Karpfen-Zubereitung („Erfahrungen mit Karpfen“) antwortet Rainer Kirsch mit einer Eloge auf den Melancholiker und Fisch-Liebhaber „Czecho“. Und wenige Gedichte weiter treffen wir auf Volker Brauns bitteren Befund zur repressiven Praxis des real existierenden Sozialismus, der die Hoffnungen auf eine „andere Gesellschaft“ nicht einlösen kann:

Hinter geschlossenen Türen sitzend
Höre ich Geräusche, das Knirschen
Der Industrien und der Leiber
Unter dem Plan. Der Redner redet:
Was immer das Leben kürzte, der Hunger
Liegt an der Kette der Maßnahmen
Tragik geregelt zwischen den Eckdaten.
Sprich lauter. Genosse, sind wir Illegale.

Der Mut zur kritischen Auswahl und zum Weglassen schwächerer Texte hat sich bei Buchwald/Wagenbach gelohnt. Denn hier folgen in reizvoller Kontrastierung und Korrespondenz die poetisch wirklich substantiellen Gedichte aus der DDR, die eine literarische Nachwirkung und editorische Archivierung auch wirklich verdienen. Kaum ein relevanter Text fehlt (bedauerlicherweise aber Volker Brauns grandioses Gedicht „Das Eigentum“, das wirkungsmächtigste Gedicht zum Ende der DDR).
Hier müssen wir uns auch nicht durch Dutzende peinigender Exempel patriotischer Aufbau-Lyrik und pathetischer Staats-Glorifizierung durchkämpfen, wie sie in der dokumentarisch vorgehenden Anthologie von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte zu finden sind. Insgesamt 500 Gedichte von 180 DDR-Autoren haben Arnold/Korte versammelt und in chronologischer Ordnung komponiert. Hier erhält zwar der innerlich zerrissene Louis Fürnberg mit fünf Gedichten den Ehrenplatz, den er sicher verdient. Das schönste Fürnberg-Gedicht, eine suggestive Litanei über den „Sommergarten“, findet man freilich in der Buchwald/Wagenbach-Anthologie. Was an objektivierender Sichtweise bei Arnold/Korte gewonnen sein mag, indem man auch zahlreichen mediokren DDR-Poeten Zutritt gewährt, ist nur um den Preis ästhetischer Peinigung zu haben. Fast 80 Seiten lang muss man sich durch jubilierendes Herrscherlob durcharbeiten, bis man auf die ersten großartigen Gedichte stößt. Zuvor nervt z.B. der Partei-Barde Erich Weinert:

Nun endlich atme ich wieder frei und schreite.
Mit meinem Volke schreit ich Seit an Seite.
In meine Werke kam ein neuer Sinn.

Etwas irritierend ist, dass sich Arnold/Korte bei ihrem Auswahlverfahren auf eine „systematische, an der Universität Siegen organisierte Recherche“ berufen. Viel naheliegender wäre die gründliche Auseinandersetzung mit den bislang besten Anthologien zur DDR-Lyrik gewesen, nämlich mit der von Wulf Kirsten, Heinz Kahlau und Ursula Heukenkamp 1988 edierten Überblicksdarstellung Die eigene Stimme (Aufbau Verlag) und Peter Geists ebenso zorniger wie famoser Sammlung Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante (Reclam Leipzig 1991), obwohl darin die Produkte der „Prenzlauer Berg-Connection“ bedenklich überschätzt werden. Was dem durchaus vorhandenen Gebrauchswert der opulenten Arnold/Korte-Anthologie am meisten schadet, ist eine gewisse Laxheit in der chronologischen Zuordnung. Denn wenn man sich schon auf die Daten der Erstveröffentlichung oder des Entstehungsjahrs als Gliederungsverfahren beruft, sollte man grausame Schnitzer vermeiden. Unter der Jahreszahl 1946 ist lustigerweise Richard Pietraß mit seinem Gedicht „1946“ vermerkt, obwohl es darin nur um das Geburtsjahr des Autors geht und das Gedicht selbst erst 1980 veröffentlicht wurde. Weitaus ärgerlicher ist, dass so epochale Gedichte wie Thomas Rosenlöchers „Der Garten“ (das nicht 1998, sondern 1985 erstmals publiziert wurde) und Volker Brauns „Das Eigentum“ (das nicht 1993, sondern erstmals 1990 im Neuen Deutschland erschien) falsch datiert sind. Das trübt das Vergnügen an dieser großzügig pluralistischen Textsammlung doch erheblich. Auf Peter Geists engagierte Verortung der späten DDR-Lyrik (Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante) kann man auch nach Arnolds/Kortes wackligem „Standardwerk“ (Eigenwerbung) keinesfalls verzichten. Wer sich indes mit einem knappen, scharfsinnig konturierten Überblick zur Eigenart der DDR-Lyrik begnügen will, ist mit der vorzüglichen Anthologie von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach bestens bedient.

Michael Braun, Ostragehege, Heft 57, 2010

Aus schattenüberquertem Land

 

Im alten Preussen sagte man:

Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet

Im Staatsrat der DDR, die von Preussen den Stechschritt und bürokratischen Übereifer übernahm, dürfte man diesen Satz vermutlich nicht zitiert haben. Dort wusste man, dass Poesie die Mächtigen sogar zu entthronen versteht, staatsgefährdend und aufgrund ihrer gattungsbedingten Selbstbezüglichkeit anti-kollektivistisch sein kann. Man darf es daher als Pointe goutieren, dass sich zahlreiche SED-Politgrössen in Ost-Berlin am Abend des Mauerfalls, nichts ahnend, ausgerechnet eine Theateraufführung von Goethes szenischem Hexameter-Epos Reineke Fuchs zu Gemüte führten. Weniger formstreng ging es bei den Poeten des Landes zu, dafür oft ebenso listig, nicht selten jedoch melancholisch.
Fraglos verstand sich Lyrik im deutschen Staatssozialismus auf Codes und Chiffren, die nicht nur poetisch zu deuten waren, sondern naturgemäss auch politisch. Wenn Bernd Jentzsch in einem Gedicht ein Jahr nach dem Mauerbau schrieb: „Die grünen Bäume starben in uns ab“ und: „In den Wäldern toter Straßen und im Geäst / Des Vogelflugs erwachten wir zu plötzlich“ und: „Zorn wohnt in uns, und Hoffnung ist da, / Wenn wir an grüne Bäume denken“, dann war die ,Botschaft‘ eindeutig.
Der buchstäblich repräsentative Band Lyrik der DDR leistet auf eindrucksvolle Weise etwas Überfälliges; er dokumentiert hohe poetische Sprachqualität aus dem anderen Teil Deutschlands. Die Herausgeber haben sinnvollerweise auf linientreue Parteilyrik verzichtet, wobei vielleicht das eine oder andere Kontrastbeispiel das lyrische Niveau der chronologisch angeordneten Gedichte noch deutlicher veranschaulicht hätte. (Allenfalls Kurt Huhns „Moskau“-Gedicht aus dem Jahre 1958 erfüllt annähernd diesen Zweck: „Moskau, / Stadt der roten Türme, / Herz der Klasse, stürme, stürme“ – lyrischer Politkitsch aus dem Poststalinismus zwischen Elbe und Oder.)
Jahr um Jahr, von 1945 bis 1999, lässt sich die Entwicklung lyrischen Sprechens vor, während und nach der DDR nachvollziehen, wobei offensichtlich wird, was ohnehin selbstverständlich sein sollte: wir können es uns nicht leisten, diese Lyrik zu übersehen. Als Überraschung mag man die Präsenz von Paul Celan werten. Adolf Endler wartete bereits 1955 mit einer „Hommage à Paul Celan“ auf („Liebesgedicht nach jedem Krieg“); es folgt 1973 Ulrich Grasnick („Paul Celan zum Gedächtnis“), schliesslich Erich Arendt, der 1976 auch stilistisch-kompositorisch an Celan anzuknüpfen versucht („im Quintenzirkel der Wogen: Wellenschwarz“), sowie Adel Karasholi, der Syrer unter den DDR Lyrikern, der die „Umarmung der Meridiane“, und zwar im Ich seines Gedichts (1977) forderte.
Bedeutsam an diesem Band ist auch, dass er die Entwicklungen und Konstanten im lyrischen Schaffen einzelner Dichter erkennen lässt, neben den bereits Genannten besonders jene Volker Brauns, Peter Huchels, Karl Mickels, Heinz Czechowskis, Harald Gerlachs und Wolfgang Hilbigs. Die Struktur dieser Anthologie ermöglicht thematische Vergleiche von Jahr zu Jahr; sie zeigt freilich auch, woher die ostdeutschen Lyriker der jüngeren Generation vor und nach der so genannten Wende kommen und wovon sie sich abgesetzt haben – man denke etwa an Uwe Kolbe, Barbara Köhler, Kathrin Schmidt und Lutz Seiler. Es war eine wichtige Entscheidung der Herausgeber, ihre Sammlung nicht mit dem Jahr 1989/90 zu beschliessen, sondern das Weiterwirken dieser Lyrik zu dokumentieren. Lutz Rathenow etwa illustriert das mit seinem Text „Das zweite im Westen geschriebene Gedicht“, das plötzlich englische Einsprengsel aufweist:

This airport atmet den Duft Europas.

Sein Resüme lautet:

Ich gebe mir Mühe, verdächtig zu sein.
Die Unauffälligen werden als Täter entlarvt.

Soll man hierbei an Sascha Anderson denken, den von Wolf Biermann (und zuvor schon, man vergisst es zu oft, von Hans-Joachim Schädlich) als Stasi-Spitzel entlarvte arme Poet vom Prenzlauer Berg, der in dieser Anthologie auffälligerweise fehlt? (Wie aktuell dergleichen geblieben ist, belegt die erst im Vorjahr bekannt gewordene ,informelle Mitarbeit‘ des rumäniendeutschen Dichters Werner Söllner bei der Securitate.)
Eine Frage stellt sich bei diesem Band zwingend: Gab es ihn, den DDR-Ton in der Lyrik, sagen wir bei Wolf Biermann, Helga M. Novak oder Günter Kunert, bei Sarah oder Rainer Kirsch? Hatten ihn Brecht noch mitbegründet und Johannes R. Becher? War er russisch eingefärbt, polnisch oder tschechisch? Mitnichten. Die Form dieser Gedichte verweigerte sich zumeist dem Experiment; sie arbeiten motivisch vergleichsweise konventionell, rufen Hölderlin auf und die Droste (Biermann unüberhörbar Heine), erinnern pflichtschuldig Lenin (Rainer Kirsch), aber auch die Geschwister Scholl (Waltraud Hauff). Sie kranken am „deutschen Problem“, an diesem „zerrissenen Land“, dem „einen Organismus mit zwei Herzen“ (Eva Strittmatter) und geben sich nur gelegentlich ,werktätig‘. Was Volker Braun 1963 über „unsere Gedichte“ schreibt, klingt nach Bitterfelder Holzweg, indem er die ideologisch eingeforderte Arbeitsweltlichkeit von Lyrik zitiert und dabei gleichzeitig parodiert:

Unsere Gedichte sind Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte.
Unsere Gedichte sind Telegrafendrähte, endlos schwingend, voll Elektrizität.

Die Herausgeber haben ihren Anspruch eingelöst, nämlich eine Gedichtauswahl vorzulegen, die zeigt, wie der „Eigensinn des lyrischen Wahrnehmungs- und Reflexionsraumes sich erfolgreich gegen den Druck staatlicher Kontrollinstanzen“ behauptete. Diese von den Staatsorganen beargwöhnte Eigenständigkeit zeigte sich auch in der lyrischen Behandlung geschichtlicher Motive, etwa in den Birkenau-Gedichten von Stephan Hermlin und Armin Müller. Dabei erwiesen sich Hermlin, Georg Maurer und Franz Fühmann als Mentoren, die vor allem im Falle von Georg Maurer ihre „Schüler“ zu Selbstständigkeit im lyrischen Ausdruck anzuhalten verstanden. Dichterschulen oder „Stilbewegungen“ gab es – trotz Einrichtungen wie des ,Leipziger Literaturinstituts Johannes R. Becher‘ im eigentlichen Sinne nicht.
Seltsam, bei der Lektüre dieser Anthologie kann sich ein déjà vu-Erlebnis einstellen, dann nämlich, wenn man sich der erfolgreichen (innerhalb von acht Jahren 1970–78 in fünf Auflagen verbreiteten) gleichnamigen, von Lyrikern Uwe Berger und Günther Deicke verantworteten Anthologie (Lyrik der DDR) erinnert. Sieht man von dem 1976 ausgebürgerten Wolf Biermann sowie Reiner Kunze und jüngeren Lyrikern ab, so finden sich darin nahezu dieselben Poeten vertreten, wenngleich zumeist mit sehr anderen Gedichten, was an der herausgeberischen Vorgabe lag. Damals (1970) konzentrierte man sich gerade nicht auf die „nur-künstlerischen“ Gedichte, die als „bürgerlich“ verschrieen waren. Im Vergleich stellt sich somit mancher Dichter als Chamäleon dar. Aber so sind sie wohl, die Dichter: vielgestaltig, vielstimmig wollen sie sein, verwandlungsfähig, im Gedicht ein paar Verse lang eine kleine Eigenwelt bilden und verstehen, auch wenn sie sich selbst ein Rätsel bleiben.

Rüdiger Görner, in Rüdiger Görner: Wortspuren ins Offene. Lyrische Selbstbestimmungen, Universitätsverlag WINTER, 2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Walter Delabar: Das Erbe annehmen?
literaturkritik.de, April 2010

Evgenij Unker: „Und dieses Land darin ich leben will / Aber muss“ – Lyrik der DDR
netz-betrieb.de, 3.12.2009

 

Fakten und Vermutungen zu Heinz Ludwig Arnold + Archiv 1 + 2

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Erhard Schütz: Betriebsmacher
Der Tagesspiegel, 29.3.2010

Nachrufe auf Heinz Ludwig Arnold: Deutschlandfunk ✝ FAZ ✝ NZZ
Porträtgalerie
Fakten und Vermutungen zu Hermann Korte

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