Björn Kuhligk & Jan Wagner (Hrsg.): Lyrik von Jetzt zwei

Kuhligk & Wagner-Lyrik von Jetzt zwei

HALLO

Hallo.
Ich bin Kreuzworträtselautor.
Ich bin Decorwandfarbendesigner.
Ich bin Überraschungseiüberraschungenerfinder.
Ich zeichne Blaupausen von Motoren,

lasse sie knallrot Kerosin bluten,
gehe in die Küche
und mache mir ein Leberwurstbrot.

Elektronenwahnsinn.
Leberwurstruhe.

Wollen wir nicht wieder glauben:
ans Herz, etwas darunter die Seele
wie an das Haltbarkeitsdatum auf Mayonnaisegläsern.

Es ist spät geworden.
Die Sonne fängt schon an,
die Schatten der Hochhäuser
ins All zu schießen.

Benjamin Maack

 

 

 

Vorwort der Herausgeber

Als im Sommer 2003 die Anthologie Lyrik von JETZT erschien, in der wir die ganze Bandbreite der damals jüngsten Generation deutschsprachiger Dichterinnen und Dichter zu dokumentieren suchten, begannen wir die knappe Nachbemerkung zu unserer Sammlung mit der Feststellung, daß die Lebendigkeit der Lyrik keines Beweises bedürfe, daß sie im Gegenteil, offen zutage liege. Natürlich täuschte die Kühnheit der Behauptung darüber hinweg, daß sie nicht die ganze Wahrheit barg. Die erstaunliche Vielfalt der jungen deutschen Lyrikszene gab es, daran bestand kein Zweifel – nur offensichtlich war diese Tatsache keineswegs, wenn man von den Enthusiasten und all jenen absieht, die stets bemüht sind, der Lyrik mehr Raum zukommen zu lassen, den Dichtern selbst also, den Herausgebern, den Veranstaltern und einigen Kritikern. Einem breiteren Publikum blieb die Entwicklung verborgen. Lyrik von Jetzt war demnach eben der Beweis, den zu erbringen wir für längst nicht mehr notwendig erklärten.
Heute, fünf Jahre danach, ist die Sicht klarer, läßt sich einiges mit Gewißheit sagen. Fast alle der damals präsentierten Lyrikerinnen und Lyriker, und das waren immerhin vierundsiebzig, sind der dichterischen Szene erhalten geblieben. Ein Großteil hat, was zu dem Zeitpunkt, als Lyrik von Jetzt erschien, keinesfalls abzusehen war, mittlerweile ein eigenes Buch publizieren können; in nicht wenigen Fällen sind es gar mehrere Bücher. Aus erstaunlich vielen der Akteure sind in diesen vergangenen fünf Jahren Autoren geworden, die aus der deutschsprachigen Literaturlandschaft kaum mehr wegzudenken sind. Und was noch wichtiger ist: Nicht nur die Dichterinnen und Dichter, die Werke mit all ihren Eigenheiten und individuellen Prägungen finden Gehör und Publikum, auch die lebhaften Diskussionen über Lyrik, die poetologischen Auseinandersetzungen unter- und miteinander dürfen mit einem Hallraum rechnen, den manch einer vor kurzem nie und nimmer für möglich gehalten hätte. Sagen wir es also ruhig noch einmal: Die Lebendigkeit der deutschsprachigen Lyrik bedarf keines Beweises.
Wenn es trotzdem gerechtfertigt, ja notwendig ist, erneut eine Anthologie auf den Weg zu bringen, dann aus einem einzigen, dafür aber guten Grund: Das Phänomen einer facettenreichen und vitalen jungen Lyrik setzt sich fort. Eine Vielzahl von noch jüngeren Lyrikerinnen und Lyrikern ist in Zeitschriften und öffentlichen Lesungen in Erscheinung getreten, ohne daß ein Leser, der nicht all die verstreuten Publikationen verfolgt und über sehr viel Zeit verfügt, die Möglichkeit hätte, sich ein Bild von dieser disparaten Szene zu machen. Diese Möglichkeit wollen wir bieten und zugleich das Panorama, das sich mit Lyrik von JETZT eröffnete, ergänzen und erweitern.
Das Konzept ist das bewährte: Es sollen Autorinnen und Autoren vorgestellt werden, die durch Veröffentlichung und Vortrag auf der poetischen Bühne präsent sind und deren Arbeiten erahnen lassen, daß auch in der Zukunft von ihnen zu hören sein wird. Als Orientierungshilfe diente das Geburtsjahr 1975 – ohne freilich diese Altersgrenze dogmatisch zu handhaben; eine Reihe von Autoren ist früher geboren, keiner allerdings vor 1970. Abermals wird jeder Dichter mit vier für seine Entwicklung und seine Poetologie repräsentativen Gedichten vorgestellt, wieder soll ein ausführlicher Anhang mit biographischen und bibliographischen Details den interessierten Leser zu weiteren Nachforschungen ermutigen. Und wie zuvor wollten wir uns nicht mit einer so vorhersehbaren Reihenfolge wie der alphabetischen begnügen – und haben statt dessen das Buch nach Anziehung und Abstoßung, Klang und Gegenklang zusammengestellt. Zwei Inhaltsverzeichnisse, von denen eines dem Alphabet, das andere dem tatsächlichen Verlauf folgt, sollen die Orientierung erleichtern. So hoffen wir, daß auch diese Anthologie geworden ist, was schon Lyrik von JETZT für uns wie für andere Leser war: Nämlich beides, Nachschlagewerk und Abenteuer.

Björn Kuhligk und Jan Wagner, Vorwort, Sommer 2008

 

Das Gedicht lebt

– und wie! Mit dieser Anthologie demonstrieren die Herausgeber Björn Kuhligk und Jan Wagner, wie vielfältig die junge deutschsprachige Lyrikszene ist, und tragen fünfzig markante Stimmen zusammen, die, so unterschiedlich sie sein mögen, eines unter Beweis stellen: die ansteckende Vitalität der Gattung Lyrik.

Berlin Verlag, Klappentext, 2008

 

Wer ist im Jetzt? Und welcher Text wird atmen?

– Neue Stimmen, neue Verse: Nach fünf Jahren wird das Panorama der ersten Lyrik-Anthologie um fünfzig junge Autoren bereichert. –

Großherzig gesprochen, ist ja immer Jetzt. Übergenau betrachtet, ist es schon entschwunden, ehe man das Wort zu Ende gesprochen hat. Dazwischen liegt das berühmte weite Feld, auf dem vieles gedeiht, auch Gedichte. Wie alle Artefakte möchten sie sich in Lebendiges verwandeln und vom historisch fixierten, punktuellen Jetzt hinüber wechseln in eines, das sie noch nach Jahren atmen lässt. Wie sie das schaffen? Durch Resonanz.
Vor fünf Jahren erschien Lyrik von JETZT, von Gerhard Falkner eingeleitet und als „dokumentarische Anthologie“ bezeichnet, die die „Selbsterzeugung einer Generation“ protokolliere. Diese habe sich nicht durch gemeinsame Inhalte oder Ziele konstituiert, sondern durch eine bislang ungekannte „Verknüpfungsdichte“ aller an Lyrik Interessierten via Internet. Das hat sich seitdem noch intensiviert: Wie keine andere Gattung ist die Lyrik im Netz zuhause und hat dort, neben Festivals und Lesungen, ihre Öffentlichkeit. Zwar ist der gedruckte Gedichtband immer noch des Dichters Ritterschlag und sein Anker in der Realität, zwar bestimmen immer noch die großen Zeitungen den öffentlichen Diskurs, aber selbst wenn ein Gedichtband dort besprochen wird (selten genug), muss der Leser das Netz bemühen, um anhand der Textproben zu entscheiden, ob er das Buch bestellen will, denn die Buchhandlung hält es nicht vorrätig. Boom und Marginalisierung also, finanzieller Ruin und virtueller Ruhm in heftiger Umarmung.
Björn Kuhligk und Jan Wagner, damals 28 und 31 Jahre alt, präsentierten in ihrer ersten Sammlung 74 junge Autoren mit je vier Gedichten. Schon die Anzahl mobilisierte Abwehrreflexe, die sich wahrscheinlich mit Erscheinen des neuen, genauso organisierten Bandes, der 50 neue Stimmen vorstellt, noch verstärken werden. Wer braucht 496 Gedichte von 124 Lyrikern? So viele, denkt der Leser, können es ja unmöglich vom ephemeren Jetzt in das dauerhaftere schaffen. Hätten die Herausgeber nicht bitte die auswählen können, bei denen wir auf der sicheren Seite sind?
Die Kritik dachte und denkt wohl ähnlich. In Heft 171 von Text + Kritik (2006) holte Michael Braun allerdings den ersten Lyrik von JETZT-Band wieder aus der Ecke hervor, in die er ihn mit seinem Verriss in der Basler Zeitung gepfeffert hatte, und konzedierte einigen Autoren jene Fähigkeiten, die er der „Generation“ absprach. Dennoch blieb er bei seinem Urteil, dass es sich bei der Mehrzahl der Gedichte um „hilflose Beziehungskisten-Poesie“ handle.
Jan Wagner antwortete mit einem Beitrag, der sorgfältig und in zornloser Geduld die Vielzahl poetischer Sprechweisen, ihre Eigenheiten und Gefährdungen darstellt. Dabei gelingen ihm Formulierungen, die eine Tür aufstoßen wie jene über den Reim, den man „als Assoziationen und Abwege provozierenden, als kreativen Störfaktor im Schreibprozess“ handhaben sollte. Und er resümiert:

… so wenig wie Experimentalität und Narration Gegensätze sein müssen, verzichten Parlando und Formstrenge auf den kreativen Zusammenprall.

Wer also meint, Kuhligk und Wagner hätten in ihrer neuen Anthologie quasi blind eingesammelt, was die Szene hergebe, sei auf Wagners scharfäugigen Essay verwiesen. Man darf sicher sein, dass die Herausgeber mit Bedacht gewählt haben und dass die Ergebnisse überzeugen. Aber was heißt eigentlich „überzeugen“ in diesem Zusammenhang? Und wer soll überzeugt werden?
Nun, die Jetzigen natürlich. Die, für die nicht Hermann Hesses Nebelwandern der Maßstab ist und auch nicht die Trias Gernhardt, Wondratschek, Enzensberger. Die diese Anthologie so pragmatisch nehmen, wie sie auftritt: ihr Ziel, so Kuhligk und Wagner, sei es, das Panorama des ersten Bandes zu „ergänzen und erweitern“ und damit ein Bild der „disparaten Szene“ zu vermitteln. Deutlich ist damit gesagt, dass die Lyrik von Jetzt sich gegen Vereinheitlichung oder Tendenzen sperrt. Die Leser werden ermuntert, mit ihren individuellen Erwartungen und Sensorien an die Texte heranzugehen. Keine Richtschnur also? Kein Kamm, über den Texte oder Rezipienten geschoren werden? Glücklicherweise nicht.
Ebenso ist die Frage: Was hat sich verändert von Band eins zu Band zwei, wohin geht der Trend? ganz überflüssig. Wir sind hier nicht auf der IAA und halten auch nicht nach Boliden Ausschau. Dass sich immer etwas ändert in der Unterströmung von Jetzt zu Jetzt, ist eine Binsenweisheit, und der Änderung zu folgen ist, für sich genommen, kein Qualitätsmerkmal. Formale Perfektion kann eines sein, muss aber nicht, manchmal erstickt sie. Gedichte, wenn sie den Nerv treffen, und zwar nicht in simpler Abbildung, sondern dank einer hochkomplexen Struktur, die gleichwohl berührt, können tatsächlich eine Generation konstituieren. Ob dies der Fall sein wird bei den Jetzigen, muss sich erweisen. „Wir leben vorwärts und verstehen rückwärts“, sagt Kierkegaard.
Seinen Hallraum muss sich jedes Gedicht allein erzeugen. Für Lyrik von Jetzt 2 bedeutet das: Jedes einzelne gegen die anderen 199. Nicht um zum Schluss zu schreien: „And the winner is…“, sondern um diejenigen herauszufiltern, von denen man gern begleitet werden möchte. Die Anthologie erleichtert die Suche, sie ist professionell und benutzerfreundlich gemacht. Wie produktiv die Lektüre wird, liegt im Ermessen des Lesers, der nicht hindurchstürmen, sondern sich im wählerischen Weniglesen üben sollte.
Zum Schluss möchte ich ein paar Autoren nennen, die mich beeindruckt haben: Herbert Hindringer, Claudia Gabler, Mara Genschel, Benjamin Maack, Andre Rudolph, Timo Berger, Sabina Naef, Ruth Wiebusch, Norbert Lange… Eine ganze Menge. Ob ihre Texte es schaffen in das nächste Jetzt, kann keiner voraussagen. Das kulturelle Gedächtnis zeichnet sich durch Vergessen aus, durch Aussondern und Fallenlassen tausender Verse (aber auch Romane und Theaterstücke). Na und? Von der Flüchtigkeit und Partikularität der Lebensmomente wie der Gebilde, die sie festhalten wollen, hat noch keine Generation so viel gewusst wie diese.

Gisela Trahms, culturmag.de, 11.9.2008

Neu auf der Literaturbühne

– Nur fünf Jahre ist es her, da gab es schon einmal eine Gedicht-Anthologie mit dem Titel Lyrik von JETZT, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner. Das Buch verstand sich damals als eine Bestandsaufnahme der jüngsten Dichtung, enthielt Beiträge von Lyrikerinnen und Lyrikern, die allesamt erst nach 1965 geboren waren. Warum nach so kurzer Zeit bereits eine weitere Gedichtsammlung der Jüngsten nötig wurde, in diesem Falle geboren nach 1975, darüber sprach Enno Stahl mit den Herausgebern. –

Lyrik von JETZT erschien bei Dumont, der Nachfolger jedoch kommt – ungewöhnlich genug – nun im Berlin Verlag, heraus, Jan Wagner sagt warum…

Der Berlin Verlag war einfach nahe liegend, weil wir beide Autoren beim Berlin Verlag sind, beide unsere Lyrikbände dort publizieren, daher lag der Gedanke nah, auch die Anthologie dort anzubieten.

Die Ausgangslage des Buches hat indes trotz des Verlagswechsels nicht geändert, wie die Herausgeber betonen:

Das Konzept ist im Grunde das, was wir beim ersten Teil auch schon hatten, eine Anzahl von Autoren, in diese Falle 50, früher waren 74 mit jeweils vier Gedichten vorzustellen, das Ganze zu ergänzen durch einen reichhaltigen Anhang mit Biographien und Bibliographien und das Ganze nach Klang und Gegenklang zu ordnen.

Die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, jetzt schon wieder eine Sammlung mit jungen und jüngsten Stimmen der Lyrik zu publizieren, stellt sich zwangsläufig. Eine ganze Reihe der Autoren des ersten Bandes hat sich inzwischen einen Namen gemacht, aber kann man davon ausgehen, dass nun bereits eine neue Generation nachgewachsen ist? Das jedenfalls ist die These des Buches Lyrik von Jetzt zwei, nachgewachsen ist nach Meinung der Herausgeber vielleicht nicht gerade eine ganze Generation, aber Kuhligk/Wagner betonen doch, dass es nunmehr – in der Altersklasse nach 1975 – ganz neue Stimmen zu entdecken gilt, Doppelungen mit dem Vorgängerband gibt es nicht. Von den 50 Lyrikern der aktuellen Anthologie kennt man tatsächlich nur wenige, selbst wenn man sich von Berufs wegen mit der Szene beschäftigt. Natürlich ist die zuletzt so viel gerühmte Ann Cotten vertreten oder Eugen Gomringers Tochter Nora, die längst auf allen Bühnen der Republik zu Hause ist, lustigen wie ernsten. Andere BeiträgerInnen wie Christoph Wenzel, Swantje Lichtenstein, Herbert Hindringer und Stefan Heuer haben kleinere Einzelveröffentlichungen vorgelegt, wieder andere kennt man zumindest aus dem Umfeld junger ambitionierter Zeitschriften wie Sic und Bella triste, etwa Nora Bossong und Ulrike Almut Sandig. Björn Kuhligk erklärt, wie diese reichhaltige Auswahl an jungen, vielfach ganz unbekannten Lyrikern zustande kam:

Wir haben so gut wie alle verfügbaren Literaturzeitschriften durchgewälzt, haben in Anthologie geblättert, haben uns einfach erkundigt, was es an Veröffentlichungen gibt, gerade in kleineren Verlagen, die sich um Lyrik kümmern, haben uns die Bücher zukommen lassen oder organisiert und haben dann die Auswahl getroffen.

Das Vorwort der Herausgeber nennt für die Aufnahme in das Buch als Kriterium, dass die Autoren eine kontinuierliche Qualität zeigen oder erahnen lassen, dass man fürderhin von ihnen hören wird. Beim Vorgängerband war dieses Konzept, das ja zugleich einen Anspruch formuliert, durchaus aufgegangen – welches aber sind eigentlich die Kriterien für dieses Kriterium, will sagen: Mittels welchem Maßstab gelingt es Kuhligk und Wagner, in der Masse des neu Geschriebenen die Talente herauszufiltern, Niveau und viel versprechenden Anspruch auf die Zukunft hin zu konstatieren? Jan Wagner:

Naja, wenn einfach eine gewisse Kontinuität erkennbar ist, auch ne Textmasse schon, in Zeitschriften eine gewisse Dichte an Publikationen und man mit Regelmäßigkeit in den einschlägigen Zeitschriften immer wieder auf den Namen stößt und immer wieder etwas finden kann an den Gedichten, die also eine gleich bleibende Qualität und eine vor allen Dingen weniger schwankende Stimme haben.

Geht es nicht noch etwas genauer? Textmasse, Kontinuität, kann das schon alles sein? Björn Kuhligk ist da ganz offen:

Das ist eigentlich die Frage: Was macht ein Gedicht gut, mehr oder weniger. Natürlich kann man analytisch daran gehen, was wir auch getan haben und wichtiges Kriterium war aber auch ein subjektives Gefallen, ob uns das angesprochen hat und ob wir denken, durch unsere Erfahrungen als ja mittlerweile schon alte Lyrikleser und selbst auch als Lyrik Schreibende, ob das nun gut ist oder nicht.

Am Ende steht immer der persönliche Geschmack, das ist – gerade wenn um es Lyrik geht – letztlich tröstlich. Denn einfach machen es die jungen Dichter ihren Lesern nicht, das war bei der 2003er-Anthologie genauso wie bei Lyrik von Jetzt zwei. Wie steht es aber – über eine solch oberflächliche Beobachtung hinaus – mit dem Vergleich zwischen den „Lyrikergenerationen“? Gibt es auffällige Unterschiede zwischen den Beiträgern beider Bände?

Also ich würde sagen: nein. Ich würde auch nicht behaupten wollen, dass Lyrik von Jetzt zwei eine neue, wieder eine neue Generation vorstellt. Das würde bedeuten, dass alle sieben Jahre neue Generationen aus irgendwelchen Hinterzimmern plötzlich die Türen öffnet und plötzlich im Lyrikraum steht. Also das ist keine Vorstellung einer neuen Generation, sondern das ist einfach das, was nach Lyrik von JETZT die Literaturbühne betreten hat.

Neuer Versuch: Was kennzeichnet denn nun die Arbeit dieser jüngsten Lyriker, gibt es Parallelen stilistischer, inhaltlicher, formaler Art?

Ich find’s ähnlich schwierig, die Frage zu beantworten, wie es schon bei der ersten Anthologie schwierig war. Es gibt sowohl, was die Themen angeht, ne unglaubliche Spannbreite. Also wenn man sagt: es gibt das politische Gedicht nicht mehr, so könnte sofort drei Namen nennen, die doch politische Gedichte schreiben, oder das Naturgedicht oder die in gewissem Sinne experimentelle Dichtung. Es ist alles vertreten, deshalb ist schwierig, das alles auf einen Nenner zu bringen.

Wenn man sich die Texte anschaut, kann man Jan Wagner hier voll und ganz recht geben. Tatsächlich ist es unmöglich, einen Trend auszumachen oder auch nur die kleinste durchlaufende Gemeinsamkeit. Der Rezensent muss sich statt dessen damit abfinden, dass es eine Vielzahl von Stimmen und Tonlagen gibt, kein einheitliches Konzert.

Aber seien wir ehrlich: Das ist auch gut so, denn Trends sind kurzlebig und oft liegt man damit eh daneben. Hören wir also, was die jüngste Dichtergeneration uns zu sagen hat:

eins zwei drei vier fünf zähle mal wie lang
dein blick schon auf mir sitzt zwei gierige
tiere hocken vor meinen wimpernzäunen

– bedichtet Andrea Sanmann erotische Wahrnehmungsspiele.

Ganz nüchtern dagegen Karin Fellner:

nordic walking und zucht
hunde im park vermitteln
singles ein daseinsgefühl

Herbert Hindringer wiederum imaginiert sich im Liebeskummer an die Orgel und verleiht dem Schmerz recht eigentümliche Wendungen:

durch die wasserleitung
brüll ich
große fische an
und durch das telefon
mein spiegelbild

Es ist längst keine Neuigkeit mehr, dass in der jüngeren Literatur das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist wie nie zuvor: ein Akt erfolgreicher Emanzipation? So weit möchten wir an dieser Stelle nicht gehen, aber sicher ist, dass in Lyrik von Jetzt zwei mehr Frauen als Männer vertreten sind – wenn auch nur ganz knapp. Aber das ist doch schon mal was! Hören Sie deshalb zum Abschluss noch zwei Gedichte weiblicher Verfasser.

Enno Stahl, deutschlandfunk.de, 29.12.2008

Ein Gedichtband als Abenteuer

Die beiden Herausgeber Björn Kuhligk und Jan Wagner sind selber Dichter. In Lyrik von Jetzt zwei stellen sie eine neue Dichtergeneration vor, die um das Jahr 1975 herum geboren wurde. Jeder Auserwählte ist mit vier Gedichten vertreten. Auf Namen wie Steffen Brenner, Daniela Danz, Nadja Küchenmeister oder Norbert Lange sollte man künftig achten. –

Lyrik von JETZT hieß bereits 2003 eine bei DuMont erschienene Anthologie. Die Herausgeber Björn Kuhligk und Jan Wagner, beide ebenfalls Lyriker, hatten 74 Stimmen ausgewählt, um zu zeigen, dass eine neue Generation von Lyrikern für die klangvolle Lebendigkeit des Genres sorgt.
Die kontrovers geführte Diskussion zum Buch hielt Kuhligk und Wagner nicht davon ab, fünf Jahre danach erneut Inventur zu machen. Schließlich verzeichnete die erste Anthologie bereits Namen (Renatus Deckert, Rainer Stolz, Albert Ostermaier, Uljana Wolf, Ron Winkler), die in der gegenwärtigen Lyrik mit tonangebend sind.
Während Lyrik von JETZT das Geburtsjahr 1965 fokussierte, wird in Lyrik von Jetzt zwei der Jahrgang 1975 ins Visier genommen. Keiner der LyrikerInnen wurde vor 1970 geboren. Jeder Auserwählte ist mit vier Gedichten vertreten, die – wie es im Vorwort heißt – „für seine Entwicklung und seine Poetologie“ repräsentativ sind. Ein Anhang mit biografischen und bibliografischen Details soll dazu auffordern, über die Lektüre des Gedichts hinaus am Dichter „dran“ zu bleiben. Deshalb sind der Anthologie zwei Inhaltsverzeichnisse beigefügt. In dem einen geht es biografisch zu, im zweiten sind die Gedichte in ihrer Druckfolge dokumentiert.
Denn die Herausgeber verstehen Lyrik von Jetzt zwei als „Nachschlagewerk und Abenteuer“. Natürlich ist der interessierte Leser bemüht, sich auf das Abenteuer einzulassen. Von der Überzeugung getrieben, dass ein Gedicht für sich selbst sprechen muss, ist es deshalb ratsam, auf keinen Fall mit der Lektüre des Anhangs zu beginnen.
Lyrik von Jetzt zwei kündet bereits beim ersten Durchblättern von formeller Heterogenität. Zu konstatieren ist auch, dass sich die jungen LyrikerInnen auf dem Terrain der klassischen Topoi wie Liebe und Tod, Erinnern und Vergessen, Natur und Urbanität auskennen und keine Scheu haben, sich ihrer anzunehmen. Die Anrufung der Natur geschieht in pathetischer Form

bevor die weissen geranien welken
und die wehmut einkehrt
solange alles noch steht
muss ich es preisen

aber auch recht banal

Über den Ahornwipfeln
kreischen die Schwalben,
wie Kleinkinder, denen man ihr Spielzeug
genommen hat

Der Mythos wird unerschrocken neu vermessen oder gar entzaubert

kirke, wie war das, steht sie am
glambecker see, zwischen ufer & puff
mit dem schweinekoben & der spange
oder spirale im bauch

und die Klimazonen auf der Suche nach Glück durchdekliniert

Im dürren April
der schattige Ruf
eines Kindes
die vielen
beschreibbaren Vögel
im kärglichen Licht
und ein unüberhörbares

Buchenblatt
das dich verstummen macht
unter der grünenden Sonne

Leider lädt nur selten ein lyrischer Text zum Verweilen ein, um sein Geheimnis zu erkunden. Der reine Poesie-Ertrag aus der Bestandsaufnahme Lyrik von Jetzt zwei besteht daher aus nur wenigen Stimmen, die von einer eigenen poetischen Gangart künden (Daniela Danz, Norbert Lange, Nadja Küchenmeister, Steffen Brenner, Christophe Fricker, Sabine Eschgfäller) – auf sie gilt es künftig zu achten.

Carola Wiemers, Deutschlandradio Kultur, 9.10.2008

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Daniel Graf: Mehr vom jetzt
danielgraf.net, 17.11.2008

 

Fakten und Vermutungen zu Björn Kuhligk
shi 詩 yan 言 kou 口
Porträtgalerie: Galerie Foto Gezett + Dirk Skiba Autorenporträts

 

Björn Kuhligk liest sein Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“.

 

Fakten und Vermutungen zu Jan Wagner + Preis + DAS&D + AdWM
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett 1 + 2
shi 詩 yan 言 kou 口

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Jan Wagner

 

Jan Wagner liest in der Installation Reassuring Synthesis von Kate Terry aus seinem neuen Gedichtband Australien im smallspace, Berlin.

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