Kurt Drawert (Hrsg.): Die Wärme die Kälte des Körpers des Andern

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Kurt Drawert (Hrsg.): Die Wärme die Kälte des Körpers des Andern

Drawert (Hrsg.)/Hampel-Die Wärme die Kälte des Körpers des Andern

IRENISCHES SONETT VON DEN RIFFEN DER SEHNSUCHT

der ruf nach dem authentischen ein käuzchenschrei
pygmalion steckt in jedem zweiten deutschen dichter
und auch die musen müssen langsam auf den trichter
daß ich die folter nicht ertrage, ist nur nebenbei

in meinem tagesrhythmus steht der abend wieder
aaaaakopf
die münze allen unglücks, von der zahl befreit
schmilzt wie ein gefühl das mich des träumens zeiht
ach geißel der moral, du purpurblonder mädchenzopf

ich sehe, vorsicht, mich, von grauer ironie beschneit
hat keinen sinn und hätt es ein, er würde schrecken
wir sind zu jeder todesart von kompromiß bereit

nur dazu nicht den schönen schein mit schocks zu decken
die mütze schlaf am mast stand uns so gut so weit
wir schwarzgesegelt sind in dieser hautbeflaggten zeit

Andreas Koziol

 

 

Die Diskretion des Obszönen

I
Die Wahrheit der Dinge zeichnet sich auf deren Oberfläche ab und bedarf des genauen, gültigen Blicks, um gesehen zu werden. Diese Preisgabe in der Erscheinung macht die Dinge verletzbar und begründet ihren Anspruch auf Autonomie. Sie haben das Recht auf sich selbst für die Dauer, die ihnen gilt, und sie entziehen sich einem Bewußtsein, das um ihre Vereinnahmung sich müht. Der natürliche Zusammenhang, in den die Dinge gestellt sind, geht zugunsten praktischer Verwertbarkeit verloren. Der Blick auf den Gegenstand verliert seine Unschuld, wenn er zum Instrument einer Diktatur des Intellekts wird. Die so gestörte Beziehung zwischen Betrachter und Betrachtetem zeichnet den Entfremdungsvorgang nach, den kapitalistische Konsumtionsverhältnisse hervorgebracht haben.
Dem in zahllose Teilfunktionen zerfaserten Wahrnehmungsvermögen des Menschen steht eine um Ganzheitlichkeit bemühte Dichtung entgegen, der das Subjekt innerhalb einer expandierenden Dingwelt abhanden zu kommen droht. Hölderlins Versuch, den verlorenen reinen Naturzustand als „reinen Sprachzustand“ wiederherzustellen, mag als ein Umbruch in der poetischen Praxis gelten und der Wendepunkt sein zur modernen Poesie.
Der Autor tritt zunehmend hinter seinen Gegenstand zurück, reduziert sein Interesse daran und ist nicht selten nur noch dadurch festzustellen, daß er die träge Sprachmaterie „bewegt“.
Die Produktion des Textes geht mit einer Entleerung des Sinnes einher. Bei Flaubert findet sich dazu ein bezeichnender Satz:

Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne äußere Bindung, das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne gestützt zu werden.

Vom ästhetischen Ideal her besehen gerät der sein Ich ausschließende Autor in den Zwang, seine Erfahrungen ohne Stofflichkeit, die seine Anwesenheit sichtbar werden läßt, mitteilen zu müssen. Entweder eliminiert er das Wort aus dem konventionellen Gefüge seiner Bedeutung, zieht sich radikal auf das Sprachmaterial zurück, verwandelt Intuition in Mechanik, oder er irrealisiert das Sujet, gibt der Stofflichkeit eine imaginative Struktur. In der beständigen Flucht vor seiner Individualität verwischt er die inneren Spuren seiner Herkunft, transzendiert deren Faktum. Lediglich auf indirekte Weise, in der Methode nämlich, mit der er verfährt, zeigt er, daß es ihn gibt.
„artikulationen, die nichts identisches haben, dauern länger, vokabeln, die wie inseln kaum mehr assoziierbar sind, halten die folge auf (…)“, oder: „anschaulichkeit als höchste qualität von einem text zu fordern, gehört zu den nicht aussterbenden gedankenlosigkeiten, gewiß, die sprache bringt auch das bild fertig, doch nur in harter bewußtheit, einen augenblick lang, und unweigerlich wie der stein des Sisyphus rollt die unscheinbare beweglichkeit des gesprochenen, der artikulationsspannen und -gefälle darunter hinweg und den eigenen rinnen nach (…)“, sagt Franz Mon.
Die Ritualisierung der poetischen Methode wiederum schließt das Risiko in sich ein, im leeren Psalmodieren zu enden oder zu verstummen. Die Permutation der Bedeutungsabläufe wie der Zeichen ist inzwischen so weit gediehen, daß nicht nur der Autor in seinem Gegenstand, sondern selbst das Wort inmitten des Textes eine reine Schattenexistenz fristet.
Mit den 60er und 70er Jahren bringt sich eine Lyrik ins Gespräch, die das Gedicht geradezu überfrachtet mit thematischer Vielfalt und die Außerordentlichkeit des subjektiven Vorgangs preist. Aus dem Mangel an zuverlässigen Worten wird ein Überangebot an unzuverlässiger Sprache. Die Nivellierung der Wortbedeutung und die Verneinung des Gedichtes als esoterisches Kunsterlebnis sind der Versuch, den durch keine Denkkonvention beeinträchtigten natürlichen Blick auf die Dinge wiederzuerlangen. Das „tönende Schweigen“ der sogenannten „konkreten“ Texte kontert das „offene Gedicht“ mit einer ausholenden Sprachbewegung, die das Nebensächliche ebenso transportiert wie die mit Sinn beladenen Realien, deren Dimension sich gerade dadurch verkleinert. Die Person des Schreibers verbirgt sich nicht länger vor der Öffentlichkeit, sondern sie flüchtet in diese. Indem sie sich mit allem in Verbindung zu setzen scheint, verrät sie ihre Standortlosigkeit und Isolation. Im Wechselspiel einer Lyrikentwicklung zwischen „Redefluß“ und „Verstummen“ werden heutzutage Gedichte geschrieben, die ihrer Tendenz nach einer dieser poetischen Strategien folgen.

II
Innerhalb eines solchen Prozesses ist das Liebesgedicht als die empfindsamste literarische Gattung einer Belastung ausgesetzt, die es zu ersticken droht. Der berühmte Beginn eines namenlosen Liedes aus frühester Zeit, „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin (…)“ ist als Geste erbarmungslos verloren wie die Unschuld selber. Versuche, sie wiederzuerlangen, sind zur Peinlichkeit verurteilt, entfalten sich rasch zum blühenden Kitsch. Die Scheu vor allem Persönlichen hat ihren Grund in der Zweckrationalität einer utilitären Gesellschaft; ihre Geburtsstunde fällt mit jener zusammen und jährt sich über die letzten zwei Jahrhunderte hinweg. Nicht selten lagen den zugesandten Texten dieser Auswahl sie begleitende Sätze bei, die am liebsten die Rücksendung derselben eingeleitet hätten: „Eigentlich schreibt man ja nicht über die Liebe…“, „Wahrscheinlich sind das hier gar keine liebesgedichte mehr“ usf., wiewohl andererseits, bewiesen allein durch die Fülle der Einsendungen, kaum ein anderer Gegenstand derart zur Reflexion Anlaß gibt.
Vergleichsweise einfach scheint es dem Dichtenden zu sein, fernab privatester Befindlichkeiten einen Zustand zu verhandeln, hinter dessen thematischer Fülle das Einzelne verschwindet. Das Ferne, Fremde, Objektive spricht mit leichter Zunge sich aus, da es nicht angelegen sein muß, eine Identität zu bekunden. Neben Gültigem, das auf diese Weise entsteht, läßt sich das Rhetorische finden mit seiner Unverbindlichkeit und Vielversprecherei. Schwieriger nun, das beschädigte Selbst in den Zeugenstand zu rufen mit der Nötigung, sich erklären und damit behaupten zu müssen. – Wen aber, außer den Sprechenden, ginge dieser Selbstbehauptungsprozeß etwas an!
Der Balanceakt zwischen objektivierter Intimität und ärgerlicher Schlafzimmerschau, die eher peinlich berührt und Verständigung weitestgehend ausschließt, ist die derzeitige Schwierigkeit beim Verfassen von Liebesgedichten. Stets ist es in Gefahr, auf eine Seite hin „umzukippen“, entweder den Liebenden zu verlieren, den es umschlossen halten möchte, oder seinen Anstand. So nächstliegend das Private auch ist, so schwierig bleibt es, dieses auf ein Allgemeines zu überschreiten.
Der sein lyrisches Ich im Text entweder „verbergende“ oder „verbauende“ Autor gerät in die ungeübte Situation der Selbstpreisgabe, da das Liebesgedicht ohne Kontakte, Öffnungen und Beziehungen nicht auskommt. Zugleich aber muß der Autor zeigen, daß er in seinem Verhältnis zum anderen auf dem Hintergrund einer Öffentlichkeit existiert.
Gerade im Liebesgedicht zeigt sich der Identitätsschwund zwischen Sache und Wort und Ich am deutlichsten und läßt Täuschungen wie Zunder brennen. Schnell zerfällt das Pathos zur Empfindungslosigkeit, erstarrt die Haltung zur Pose, enthüllt die lyrische Rede einen schwadronierenden Dilettantismus. Die Festigkeit von Konzeptionen und Poetologien kann am Liebesgedicht, da es am störanfälligsten ist, aufs sicherste gemessen werden. Der Text hat selbst zur Organisation von Empfindungen zu werden und verträgt es nicht, wenn in ihm über Empfindungen gesprochen wird. Allzuleicht wuchert das Sentiment und verwandelt das Gedicht in einen Krautgarten herzzerreißender Wörter. Eben weil es um Persönlichstes geht – das der Sache nach stets umschlossen bleibt von Objektivität, die es selber in sich darstellt −, bedarf es des logischen Kalküls, der textlichen Struktur.
Die Distanz gegenüber intimster Mitteilung mag also weniger in puritanischer Diskretion, die eher zu einem Metaphernschub führen würde, denn vielmehr in dem Versuch begründet sein, die Projektionsflächen der Verwundbarkeit zu verkleinern – und sei es durch die Blockade einer künstlich induzierten Hemmung, die sich an anderer Stelle im saloppen Tonfall selbst niederreißt.
In quasi grenzüberschreitender Manier schickt sich das lyrische Ich plötzlich an, Tabus zu negieren, die es, die Ärmel noch hochgekrempelt, auf diese Weise sichtbar werden läßt. Die obszöne Gebärde zieht die Grenze, die es zu überschreiten galt, bestenfalls nach, dehnt sie auf das Maß ihrer Formulierung hin aus.
Im Schwingungsfeld zwischen Diskretion und Obszönität mag das Erotische liegen, das zu sagen zur schwierigsten Maßarbeit gehört, die Gedichte verlangen. Ihr Erfolg gibt dem Liebesgedicht, das nicht selten erst auf den zweiten Blick als ein solches zu entdecken sein wird, seine Chance.
Im Liebesgedicht unserer Tage spricht sich auf unbestechlichste Weise der Anspruch des einzelnen aus wie seine Verstörung im Umgang mit sich und dem anderen. Es überdauert, solange die Liebe eine menschliche Möglichkeit bleibt, und es räumt der Liebe eine neue Möglichkeit ein sei es auch die der Utopie.

III
Was ist die Liebe, wenn nicht ein bedingungsloses Für-sich-Sein in der konsequenten Verweisung auf den anderen! Der andere ist des Liebenden Konflikt wie sein Ziel, er entscheidet über die Gültigkeit der Empfindung, über den Wert der Geste, über die Wichtigkeit des Gesagten. Seine Anwesenheit macht die Überschreitung der ansonsten fest in sich eingeschlossenen Existenz, die an den Grenzen des Körpers endet, möglich. In Liebe als Haltung und Zustand hat der einzelne seine Gelegenheit zu sein. Sie gilt, solange das Humane gilt, und sie ist, im Mechanismus ihrer Vereinzelung, Immanenz eines Allgemeinen und damit zeitlich bestimmt. In der Liebe zeigt sich am entschiedensten die Zuständigkeit des sozialen Prinzips, das sie umgibt. Zugleich verharrt sie im Hermetismus des Besonderen und gibt dem Individuellen seine Prägung.
Mag der Leser seine Urteile treffen und finden, daß gerade in der Preisgabe von Verletzungen und Gefährdungen Freiheit bezeugt wird, die auf deren Grunde entdeckt ist und zu Orientierungen verhilft, die neu sind wie die Gedichte, die hier zusammengestellt wurden. Das wäre ein schöner Erfolg, wünschenswert allemal.

Kurt Drawert, Nachwort

 

Liebe als Miteinander und Konflikt,

als Nahtstelle von Privatem und Gesellschaftlichem, als subjektiver Anspruch und objektive Präsenz: das ist der thematische Rahmen dieser Sammlung, die neuere Gedichte von 50 Autoren der Jahrgänge 1940 bis 1965 vorstellt. Bekannte Namen stehen neben unbekannten, bereits veröffentlichte Texte neben noch ungedruckten.

Aufbau Verlag, Klappentext, 1988

 

Der fehlende Dual

Wüstefeld, Kowalski und Dyrlich, jeder in jeweils anderer Gesellschaft, beim Gruppenschwimmen… „Wir schwimmen ohne Hemd“ (Wüstefeld), „wir gleiten / durchs klare wasser des sees“ (Kowalski), „Wollen wir schwimmen: unbeschwert“ (Dyrlich) – es könnte ein Betriebsausflug sein. Allerdings, „die Schönheit neuer Paarung“, die Nähe von „kirschen und margeriten“ oder ein Hinweis auf „Adam und Eva“ lassen assoziieren, es handele sich dreimal um ein Bad zu zweit.
Liebe im kühlen Naß – fast eine Losung? Die Wärme die Kälte gibt sich sogar grammatikalisch, denn das Wörtchen „wir“ bezeichnet eine indifferente Mehrzahl. Differenzierter einzugestehen, wie viele Personen hier „Froschkünste zum besten geben“ – nämlich ein Paar – versagt wohl die Scheu vor dem massenmedienhaft verderbten Sentiment. Überlege ich. Doch halt. Im sorbischen Original von Dyrlichs Gedicht steht die Dualform: „Wollen wir beide schwimmen“, „Springen wir beide“, und so fort, alle Verben entlang. Die Kälte ist also, wieder einmal, auch deutscher Natur?
Wie dem auch sei: Gäbe es im Deutschen einen Dual, ein Buch voller Liebesgedichte fühlte sich anders an. Dieses, gute dreihundert Seiten dick, versammelt Skizzen von erotischen Situationen, gescheiterte inbegriffen. Annäherungen und Abschiede, lustlose Lust, achselzuckender Verzicht. Kaum einer der fünfzig Autoren gönnt sich den alten Traum vom Verschmelzen. Die Liebe ist eine fragile Größe, mit ihrem Sieg rechnet niemand. Bitterkeit, Prädikat: realistisch, bestimmt den Ton. Wer da Geduld zum Grübeln aufbringt und Hoffnung auf tröstlichen Ausgang wagt, sind eher die Frauen: Struzyk, Eckart, Mauersberger, Wesuls, Kirchner, Hensel, Grosz, Schmidt, Berthel – wobei der Leser sich durch Sprachspeise verschiedener Güteklassen durchessen muß, manchmal bei einundderselben Handschrift. Hilflosigkeit weitum, im Lieben wie im Dichten auch. Bei den Männern ragen Döring und Adloff heraus, ihre dichtesten Texte enthalten in der Mitteilung zugleich die Deutung und erfüllen jenen halbvergessenen Anspruch, nach dem ein Gedicht ,befragbar‘ sein sollte. Auch Hüge und Koziol, in unterschiedlichen Klimazonen zu Hause, treiben die nackte Wahrnehmung zu Ergebnissen vor, die ein Leserleben nachprüfen kann. Das gesamte umfängliche Opus taugt vor allem zum Spiegel. Wem nichts Menschliches fremd ist, dem geht das Gesicht im Kreuz: Kopfschütteln oder nicken.
Ich möchte das Ganze gern mit einem zirzensischen Fest vergleichen, auf dem ein Stab von fünfzig Artisten In wechselnden Kostümen, vom Direktor- Herausgeber durch blumige Titelansagen unterbrochen, heraustanzt, über ungeschlachte Bälge springt oder luftige Stangen erklimmt, je nachdem. Starartist (und beileibe nicht nur Clown) ist zweifellos Papenfuß-Gorek. „man liebt immer die katze im sack“ – wer kennte diese Weisheit nicht aus der eigenen Arena, doch gesagt werden muß sie zuzeiten, von einem, der eben „nur ein klon meiner selbst“ ist.
Beim Nachwort angekommen, hört freilich der Spaß, und damit auch der Ernst, auf.
Zumindest wäre ein bißchen Programmheft zu erwarten gewesen, Auskünfte über das Team, wenn nicht gar zum Projekt. Doch nichts dergleichen. Ein Quellenverzeichnis verrät unter den Namen Geburtsjahr und Aufenthaltsort. Mit 1940 geht’s los, mit 1965 hört’s auf. Vom Anfang der Vierziger gleich drei Vertraute: Harald Gerlach, Bernhof und Hilbig, später Pietraß, aus den Fünfzigern Kolbe und Böhme, der Bekanntheitsgrad bröckelt bis zur Mitte der Sechziger notwendigerweise auf null. Berühmte und Unberühmte, Großväter und junge Spunde, gut so. Warum aber liegt die Grenze exakt bei anno neunzehnhundertvierzig? Das gibt keine „Hineingeborenen’“, noch macht es eine Nachkriegsgeneration. (Können doch die Kriegstraumata damaliger Kleinkinder immens sein.) Der einzige Sammelbegriff, der mir angesichts der heute vorgestellten Stücke einfallen will, lautet Liebe vor den Wechseljahren… Indessen, lassen wir die Frage, warum die dreißiger Jahrgänge zum Liebesspiel nicht zugelassen wurden, auf sich beruhen und wechseln das Glashaus.
Denn mit einem Bündel weiterer Fragen beladen steht derjenige da, der sich durch die Schlußrede des Herausgebers hindurchgearbeitet hat. Zunächst die Frage, an wen sie gerichtet ist. An promovierte Ästhetiker? Oder an das Wasser, in dem Narziß sein Spiegelbild betrachtet? Teil eins handelt von der zwischen wahrnehmendem Subjekt und wahrgenommenem Objekt eingetretenen Entfremdung, durch „kapitalistische Konsumtionsverhältnisse hervorgebracht“. (Bei uns also nicht? Oder auch?) Diese verstört den poetischen Prozeß, schlägt sozusagen vorn das Poem und hinten den Poeten in die Flucht – falls ich es derb und recht verstehe – und ist nur durch Ritualisierung der Sprachläufe abzufangen. Drawert ruft hierzu Franz Mon als Zeugen. (Kein Hinweis für Laien, wer das ist, Franz Mon: westdeutscher Autor, geboren 1926, wichtiger Vertreter der Konkreten Poesie. Was hat DDR-Dichtung mit ihm zu schaffen? Wer lernt von ihm? Und wie?) Drawert kommt auf die Lyrikentwicklung der sechziger und siebziger Jahre zu sprechen. Unter anderem bemerkt er eine „Verneinung des Gedichtes als esoterisches Kunsterlebnis“. Und ich frage mich vollends verwirrt: Wann je war DDR-Lyrik „esoterisch“? Hermlin, Brecht, Maurer, Fürnberg, Kuba, Kahlau? Selbst Arendt würde sich verwahren. Umgekehrt läuft doch die Richtung: Je freier die Sprache des Individuums wuchert, desto weiter entfernt sie sich vom eingeübten Konsens, desto esoterischer wird sie, ungeachtet der Alltäglichkeit ihres Gegenstands. Diesen Weg nahm die Lyrik der BRD sorgloser, weil kein gruppenethischer Vorsatz ihn abschnitt. Poesie kommt anders nicht vom Fleck, darum gehen wir ihn an, gehen ihn die 50 Autoren des Bandes, Drawert eingeschlossen, auf das Risiko hin, daß der Beifall des Publikums ausbleibt. Der Lohn dieser Einsamkeit kann eine neue, reiche Sprache sein, die vorwärts bewegte Wahrheiten einfängt. Hier hast du sie, Kollektiv! Dein komischer Dichter.
Teil zwei leitet über zum Liebesgedicht. Von hoher Warte läßt der Herausgeber den Blick über die Produkte seiner Mitschreiber schweifen, notiert „ärgerliche Schlafzimmerschau, die eher peinlich berührt“, weiter unten gar „schwadronierenden Dilettantismus“. Im Schlafzimmer spielt sich bekanntlich ein Drittel unseres Lebens ab. Keine Art noch Abart des Realismus kann es sich leisten, ein Drittel der Wirklichkeit auszuschließen. Das Schlafzimmer gehört voll ins Visier, mit allem Ärger und Vergnügen, das es bereitet. Weder Prüdheit noch Arroganz stehen einem wohl an, der herumgeht und Texte sammelt für ein doch vielschichtig und bunt gelungenes Buch. Auch allzu schöne Gelehrsamkeit weckt den möglicherweise schiefen Verdacht, daß hier ein Akt der Selbstdarstellung beabsichtigt wurde, zu dem fünfzig Kollegen ihre Beiträge herliehen. Hätte, wer einheimst, ihnen nicht dadurch danken können, daß er ihren Quellen nachgeht, ihr Ansinnen würdigt? Wenn schon Franz Mon – wo bleiben Rolf Dieter Brinkmann, Allen Ginsberg, die beat generation? Warum nicht ein einziger konkreter Hinweis auf das, was die einzelnen dieses Chors fördert, was sie einschränkt? Ein Kommentar, badend im freien Zeitgeist.
Ich blättere zurück in den „Textkörper“, ziehe die Stirn kraus bei Häfner, schmunzele bei Rosenlöcher, oder umgekehrt, freue mich über eine Welt unverdrossener Liebesmüh. Doch ein schaler Geschmack bleibt zurück. Liebe ist weiterhin käuflich und leicht verkäuflich.

Gisela Kraft, neue deutsche literatur, Heft 433, Januar 1989

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + KLG
Porträtgalerie

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Drawert“.

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Drawert, das“.

 

Video Porträt: Ute Döring & Kurt Drawert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.