Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser und Daniela Strigl (Hrsg): In welcher Sprache träumen Sie?

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser und Daniela Strigl (Hrsg): In welcher Sprache träumen Sie?

Herz-Kestranek, Kaiser und Strigl (Hrsg): In welcher Sprache träumen Sie?

WIENER NEUROSEN

I.
Es heißt:
Im Hause des Henkers
sprich nicht
vom Strick.
Ich weiß −
und sprech auf Schritten und Tritten
vom Henken.
Gegen die guten Sitten
verstößt das Gedenken.

Ich bin im Hause des Henkers geboren.
Naturgemäß kehr ich wieder.
In krummen Verstecken
such ich den Strick.
Mir blieb eine Faser davon im Genick.
Meine Hartnäckigkeit war mein Glück.

Doch der Strick ging verloren
und der Henker ist gestorben.
Auf dem Galgenplatz blüht jetzt der Flieder.

Ruth Klüger

 

 

Einleitung

Vertreibung und Exil sind Ausdruck tiefer, zerreißender Widersprüche im gesellschaftlichen und geistigen Leben einer Nation. Diktatoren treten meist an, diese Widersprüche zu lösen, indem sie jeden Widerspruch unterdrücken. Die Folge ist eine lebensbedrohende Verschärfung der Widersprüche. Am Anfang aber steht immer die Verfolgung des freien Worts; die Zensur wird wieder eingeführt, Bücher werden beschlagnahmt, Zeitungen verboten; kritische Stimmen werden mit Gewalt und mit Hilfe einer willfährigen Justiz zum Schweigen gebracht.
Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch politische und rassistische Verfolgung, Vertreibung, Flucht, aber ebenso durch den Widerstand dagegen. Auch Exil kann eine Form des Widerstandes sein. Jemand verläßt das Land, in dem er geboren wurde oder lange gelebt hat, im Protest gegen die herrschende Unfreiheit, die drückenden sozialen und politischen Zustände. Ob er nun aus freien Stücken gegangen ist oder gezwungenermaßen – sein bloßes Dasein als Exilant ist eine Anklage gegen das Land seiner Herkunft. Und wenn es die erklärte Absicht der Machthaber ist, bestimmte Menschengruppen, in Österreich vor allem die Juden, zu vernichten, wird es zu einem Akt des Widerstands, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen und sich zu retten.
Bereits 1933 mußten Österreicher, unter ihnen viele Kulturschaffende, die politische Gegner des Nationalsozialismus oder jüdischer Herkunft waren, Deutschland verlassen. Auch in Österreich strebte der mit Notverordnungen regierende Bundeskanzler Dollfuß nach Auflösung des Parlaments im März 1933 ein autoritäres Regime nach italienisch-faschistischem Vorbild an. 1934 wurde der Februaraufstand der Arbeiter blutig niedergeschlagen und im Mai der „Ständestaat“ proklamiert. Etliche Autoren verließen schon in der Zeit des „Ständestaates“ Österreich, aus Protest gegen polizeiliche Übergriffe wie Stefan Zweig, als politisch Verfolgte wie Fritz Brügel oder in Vorahnung des Kommenden wie Hilde Spiel.
Auch im „Ständestaat“ grassierte der Antisemitismus, aber das Lebensrecht der 200.000 Juden in Österreich wurde nicht bestritten. Die politischen Verfolgungen unter dem austrofaschistischen Regime sind nicht vergleichbar mit dem, was mit dem ,,Anschluß“ an Hitlerdeutschland im März 1938 begann.
Insgesamt wurden während der NS-Zeit in Österreich weit über 300.000 Menschen aus politischen und rassistischen Gründen zur Emigration gezwungen, in Gefängnisse gesperrt, in Konzentrationslager deportiert, in Gestapo-Kellern gefoltert, in den Gaskammern der Nationalsozialisten ermordet. Die Anzahl der aus Österreich Vertriebenen und Geflüchteten wird gewöhnlich mit 135.000 angegeben, dürfte aber höher gewesen sein.
Unter all den Verfolgten waren an die 1.200, die Schriftsteller waren oder es später, im Exil, in Innerer Emigration oder im Widerstand, werden sollten. Nur ein kleiner Teil von ihnen kehrte zurück. Etwa die Hälfte der in Österreich lebenden Autoren wurde damit zum Schweigen gebracht, gemaßregelt, vertrieben, ermordet.
Dem literarischen Rang nach steht die Exil- und Widerstandsliteratur weit über den Werken jener Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich in der Reichsschrifttumskammer organisierten – man denke nur an Rose Ausländer, Hermann Broch, Paul Celan, Joseph Roth, Franz Werfel, Stefan Zweig. Um so erstaunlicher sind die erbarmungslose Verdrängung des Geschehenen, die Unterdrückung des Gedächtnisses und die Nichtwahrnehmung des Exils in Österreich nach 1945. Das Mitleid, das die Österreicher mit sich selbst hatten, schloß die Vertriebenen nicht ein.
Den Flüchtlingen, die gerade noch ihr Leben gerettet hatten, wurde offen und insgeheim vorgeworfen, nicht an der Leidens- und Schicksalsgemeinschaft der Daheimgebliebenen teilgenommen zu haben. Erst sehr spät wurden die Vertriebenen als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt und in bescheidenem Maße entschädigt. Die Exilautoren, so wurde bemängelt, hätten die Erfahrungen des Bombenkrieges und der alliierten Besatzung nicht mitgemacht, ihre Sprache sei im Ausland stehen geblieben, sei antiquiert, erstarrt – als hätte die Naziherrschaft zu einer bedeutsamen Weiterentwicklung der deutschen Sprache beigetragen: Das Gegenteil war der Fall.
Unbewußt wird unterstellt, das Exil sei als bequeme Alternative irgendwo schon bereitgestanden, und ganz bewußt wird immer wieder unterschlagen, daß Exil von den Vertriebenen erst erkämpft und erschlichen, erkauft und erbettelt werden mußte. Und unausgesprochen waren sich viele darüber einig, daß die Emigranten, in ihrer großen Mehrzahl Juden, keine eigentlichen Österreicher waren und sich daher leicht taten, sich in einer neuen Heimat „einzunisten“. Dabei ist die herzzerreißende Klage der Vertriebenen um die verlorene Heimat kaum zu überhören, ihre paradoxe Liebe zu dem Land, das sie ausgestoßen hat, unübersehbar.
Bis heute werden die Anstrengungen österreichischer Exilorganisationen, die für die Wiederherstellung eines demokratischen Österreich eintraten, kaum gewürdigt, die Tausenden Emigranten aus Österreich, die in den alliierten Streitkräften gegen Hitlerdeutschland kämpften, wenig geehrt. Das Exil wird nicht als Teil der österreichischen Geschichte und Identität angesehen. Wenig weiß man von den Erfahrungen und den Leiden der Flüchtlinge.

Diese Anthologie stellt 278 Lyrikerinnen und Lyriker mit über 500 markanten Werkproben und in Kurzbiographien vor. Die Gedichte sind entstanden in Arrestzellen und Konzentrationslagern, auf der Flucht durch viele Länder, in der Einsamkeit des Exils und der Heimkehr in ein fremd gewordenes Land.
Abschiedsschmerz und Heimweh stehen neben kämpferischen Strophen, Elegie und Trauer um das Verlorene neben der poetischen Eroberung neuer Lebensorte. Freie Formen wechseln mit strengen Versmaßen, die gerade in der Beschränkung ein winziges Refugium der Freiheit bilden. Kühne Neuerungen der Form findet sich neben konventionellen Gestaltungen.
Gedichte wurden in Kassibern aus Gefängnissen geschmuggelt, von Mitgefangenen auswendig gelernt, in Exilzeitschriften publiziert, von überlebenden Freunden und Verwandten bewahrt. Unzählige Gedichte des Exils und des Widerstands jedoch gingen für immer verloren. Die vorliegende Anthologie kann schon darum keinen Vollständigkeitsanspruch erheben. Wir sind sicher, daß es noch viele Entdeckungen geben wird, und möchten durch unsere Zusammenstellung auch dazu anregen.
Das Gedicht hat für Verfolgte und Vertriebene zentrale Bedeutung: als Überlebenshilfe in einer bedrückenden Außenwelt, als Möglichkeit des genauen und doch unmittelbaren Ausdrucks, als Behauptung der eigenen Persönlichkeit und als oft verzweifelte Botschaft an die anderen.
Gedichte „sind der Kampf eines Einzelnen gegen die zunehmende weltumfassende Verdunkelung des Lebens und seiner Werte, und die haben zunächst dem Ich dieser Gedichte geholfen, dem Ungeheuerlichen gegenüber bei Besinnung und bei Gefühl zu bleiben. Sie bedeuten die innere Gegenwehr, die Notwehr eines Menschen“, schrieb Berthold Viertel 1941 in der Vorrede zu seinem Gedichtband Fürchte dich nicht!
Das Gedicht bedarf keines besonderen Werkzeuges oder Apparates. Es kann in das Leder eines alten Koffers geritzt, auf winzige Papierfetzen oder in einen alten Taschenkalender gekritzelt werden. Wenn es gereimt ist, läßt es sich leichter auswendig lernen. Es bedarf keiner Bühne, keiner Schauspieler, keines Regisseurs. Es kann einem Brief beigeschlossen und ohne Umstände vorgelesen werden.
Ruth Klüger erinnert sich in weiter leben. Eine Jugend (1992): „Ich erzähle nichts Ungewöhnliches, wenn ich sage, ich hätte überall, wo ich war, Gedichte aufgesagt und verfaßt. Viele KZ-Insassen haben Trost in den Versen gefunden, die sie auswendig wußten. Meistens werden Gedichte von religiösem oder weltanschaulichem Inhalt erwähnt oder solche, die einen besonderen emotionalen Stellenwert in der Kindheit des Gefangenen hatten. Mir scheint es indessen, daß der Inhalt der Verse erst in zweiter Linie von Bedeutung war und daß uns in erster Linie die Form selbst, die gebundene Sprache, eine Stütze gab. Oder vielleicht ist auch diese schlichte Deutung schon zu hoch gegriffen, und man sollte zu allererst feststellen, daß Verse, indem sie die Zeit einteilen, im wörtlichen Sinne ein Zeitvertreib sind. Ist die Zeit schlimm, dann kann man nichts Besseres tun, als sie zu vertreiben, und jedes Gedicht wird zum Zauberspruch.“
Die Magie des Gedichts, seine Macht der Vergegenwärtigung, beruht wesentlich darauf, daß wir uns selbst das Gedicht beim Lesen oder aus dem Gedächtnis aufsagen. Dieses innere Aufsagen des Gedichts spürt man auch bei vielen Gedichten des Exils: Sie klingen, als wären sie im Kopf gesungen, hinter verschlossenen Lippen.

Wir haben in dieser Anthologie nur so weit Datierungen von Gedichten angegeben, als sie schon in den Druckvorlagen zu finden waren. Die Idee, die Gedichte chronologisch nach ihrer Entstehung oder nach den Geburtsjahrgängen der Autorinnen und Autoren anzuordnen, haben wir wieder verworfen, denn die meisten der Gedichte sind in dem relativ kurzen Zeitraum von etwa 20 Jahren, 1930 bis 1950, entstanden. Für dieses Buch erwies sich daher die alphabetische Anordnung als übersichtlicher.
Allerdings bedingten Zeitereignisse und ihre Verarbeitung einen tendenziellen Themenwandel in der Exillyrik. Jura Soyfer, dem die Flucht in die Schweiz mißlang, und der 1939 im KZ Buchenwald starb, schrieb 1931: „Ob das, was wir schaffen, Kunst ist oder nicht, das ist gleichgültig. Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda. Mag sein, daß unsere Gesinnung, unsere ethische Kraft uns manchmal künstlerischem Schaffen nahe bringt.“ Soyfers Bekenntnis entspricht einer Zeit, in der der satirische Angriff auf Faschismus und Nationalsozialismus noch möglich war. Die Nazis hatten noch nicht gesiegt, ihr Aufstieg schien nicht unaufhaltsam. Und auch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Jänner 1933 war es noch denkbar, daß die NS-Herrschaft durch ihre eigenen inneren Widersprüche und durch den Widerstand ihrer innenpolitischen Gegner, der Sozialdemokraten und Kommunisten, der Liberalen, Monarchisten und überzeugten Christen, ja sogar konservativ eingestellter militärischer Kreise, wieder zu Fall käme. Typisch für diese Phase sind satirische Attacken auf die NS-Führer und auf all jene, die die heraufziehende Gefahr nicht wahrhaben wollten.
Diese Phase dauerte an, bis sich durch die diplomatischen und militärischen Triumphe des Großdeutschen Reiches (Okkupation Österreichs im März 1938, der sogenannten Sudetengebiete im Oktober 1938, Zerschlagung der Resttschechoslowakei im März 1939, Eroberung Polens im September 1939, Kapitulation Frankreichs im Juni 1940) notgedrungen die Perspektive veränderte. Eine Überwindung des Naziregimes schien nun nur mehr von außen möglich, durch die Kriegsanstrengungen der Alliierten Mächte, die durch den Widerstand im Innern allenfalls wertvolle Unterstützung erfahren konnten. Angesichts des drohenden totalen Triumphes des Nationalsozialismus wurde die Bewahrung der Humanität in einer von Bestialität beherrschten Welt zum wesentlichen Thema der Exilliteratur. Auch die Gedichte der in den Gefängnissen eines ungewissen Geschicks oder gar der Hinrichtung Harrenden zeugen vom Ringen um Humanität: Sie erscheint als kleines flackerndes Licht, von Exil und Widerstand durch die Finsternis getragen.
Mit dem Bekanntwerden des ungeheuren Ausmaßes der NS-Verbrechen, des Massenmordes an Juden, Sinti und Roma, Geisteskranken und Behinderten, begann etwa 1944 eine dritte Phase. Sie ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit der Shoah und dauert bis zur Gegenwart an.
Jaffa Zins sagte darüber 1996: „Als Überlebende des Holocaust wurde ich Zeugin dessen, was der Mensch dem Menschen antun kann. Das spiegelt sich in meinen Gedichten wider. Meine Gedichte helfen mir, das ,andere Licht‘ im dunklen Tunnel der Schöpfung zu finden.“
In dieser dritten Phase wäre eine Wiederannäherung der Exil- und Widerstandsliteratur an die österreichische Nachkriegsliteratur, eine zumindest geistige Reintegration der Vertriebenen möglich gewesen. Doch fiel gerade das nun dominierende Thema der Exilliteratur in Österreich der Verdrängung anheim: Auschwitz galt dem offiziellen Österreich immer schon als vergangen, während es doch im kollektiven Gedächtnis des Exils immer gegenwärtiger wurde. Und so existieren in Österreich bis heute zwei Literaturen nebeneinander. Sie blieben im Grunde unversöhnt, auch wenn immer wieder Übergänge gesucht und Brücken geschlagen wurden.

Vor mehr als fünfzig Jahren, 1955, ist die bisher einzige umfassende Lyrikanthologie des österreichischen Exils, Dein Herz ist deine Heimat, mit Beiträgen von knapp 120 Autorinnen und Autoren, erschienen. Der Herausgeber Rudolf Felmayer, selbst Lyriker, war mit Emigration und Widerstand ganz persönlich verbunden. Felmayer unterschied nicht zwischen Exil- und Widerstandsliteratur, und wir folgen ihm darin, denn sie stellen eine geistige und rezeptionsgeschichtliche Einheit dar. Zudem gehen bei nicht wenigen Autoren der Epoche, schon rein biographisch gesehen, Verfolgung, Exil und Widerstand ineinander über, etwa wenn eine nach Frankreich Geflüchtete an Deutschland ausgeliefert und in ein Konzentrationslager deportiert wird, oder wenn sich ein junger Dichter in Großbritannien zur Armee meldet, um dem Nationalsozialismus mit der Waffe in der Hand entgegentreten zu können.
Das Exil war aber 1945 und auch 1955 nicht zu Ende, ganz besonders in der Lyrik nicht, und so sind seitdem viele Exilschriftsteller neu hervorgetreten oder überhaupt erst mit ihren früher entstandenen Werken bekannt geworden. Österreichische Exilautorinnen und -autoren leben noch heute in vielen Ländern. Viele von ihnen sind Bürger ihrer Gastländer geworden und schreiben auch in der Sprache des Landes, in dem sie leben.
Manche von ihnen konnten und können ihre literarischen Arbeiten im deutschen Sprachraum publizieren und waren Mitglieder des PE.N.-Zentrums deutschsprachiger Schriftsteller im Ausland, das aus dem deutschen und dem österreichischen Exil-PE.N.-Club hervorgegangen war. Andere meldeten sich erst nach jahrzehntelangem Schweigen wieder als deutschsprachige Autoren zu Wort. Obwohl sie in ihren Gastländern einen Beruf ergriffen, eine Familie gegründet, ein Netz von vielfältigen Beziehungen geknüpft hatten, blieben sie mit einem Teil ihres Wesens Exilierte, verfaßten etwa wissenschaftliche Werke in englischer, literarische Texte weiterhin in deutscher Sprache.
Emigranten sind oft aufmerksame und genaue Beobachter der Vorgänge in ihrer früheren Heimat. Nicht ohne Mißtrauen prüfen sie, was hier passiert und passieren darf. „Außen zu stehen (und gestellt zu sein) schärft den Blick“, resümierte Theodor Kramer 1956 in seinem Aufsatz „Über das Schreiben von Gedichten im Exil“.

Der Nationalsozialismus hat den Zusammenhang einer österreichischen Kultur, die in vielen Gebieten der ehemaligen Donaumonarchie vor 1938 noch ebenso präsent war wie in Wien, zerrissen. In diesem Band werden diese gewaltsam errichteten, durch die Nachkriegsordnung quasi zementierten Grenzen nicht hingenommen: Autorinnen und Autoren aus Galizien, der Bukowina, dem Banat, der Tschechoslowakei sind ebenso aufgenommen wie Vertreter der vor 1938 in Wien heimischen großen jiddischen Literatur.
Österreichische Literatur war und ist eben nicht nur das, was aus Österreich Gebürtige geschrieben haben, auch nicht nur das, was innerhalb der Ersten wie der Zweiten Republik entstanden ist – und österreichische Literatur ist nicht nur deutschsprachige Literatur. Wir haben, um dies sinnfällig zu machen, neben jiddischen Lyrikerinnen und Lyrikern auch neuhebräische und englischsprachige aufgenommen. Einige Autoren wie Frederick Brainin, Felix Pollak oder Herbert Kuhner haben sich selbst wieder ins Deutsche übersetzt; in einigen wenigen Fällen wurde auf vorhandene Übersetzungen zurückgegriffen.

Bei der Auswahl der Gedichte ließen wir uns von vier Gesichtspunkten leiten. Erstens wollten wir natürlich möglichst gute Gedichte aufnehmen. Zweitens sollten es Gedichte sein, die im Exil, im Widerstand oder unter den Bedingungen der Verfolgung entstanden sind und diese Bedingungen auch widerspiegeln. Nur ausnahmsweise haben wir bei Autoren, die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen geworden oder als Lyriker später verstummt sind, Gedichte aus früheren Schaffensperioden ohne einschlägige Thematik herangezogen. Drittens wollten wir nicht nur die Varietät und den Reichtum der lyrischen Formen zeigen, sondern auch die vielfältigen Erfahrungen von Emigration, Widerstand und Verfolgung. Viertens sollten möglichst viele Autorinnen und Autoren vertreten sein, wenn auch, oft genug, nur mit einem Gedicht.
Wir wollten die ganze Breite der Exil- und Widerstandslyrik zeigen und haben so auch Arbeiten von Kabarettisten wie Karl Farkas und Peter Herz oder das gereimte Flugblatt berücksichtigt, das die Ordensschwester Helene Kafka vor das Volksgericht brachte. Und wir haben das gesamte politische Spektrum des österreichischen Widerstands aufgenommen; die Gedichte stammen von Sozialdemokraten, Kommunisten, Trotzkisten, Zionisten, liberalen Demokraten, Monarchisten, katholischen Aktivisten, Parteigängern des „Ständestaates“…
Die wenigen Autorinnen und Autoren dieses Bandes, die der sogenannten Inneren Emigration zuzuzählen sind, bewegten sich mit ihrem Schreiben und zum Teil auch mit ihren Handlungen am Rande des Widerstandes gegen die NS-Diktatur. Sie unterlagen Schreibverboten und Publikationsbeschränkungen und wurden beruflich gemaßregelt, waren aber – zu ihrem Glück – keiner direkten Verfolgung ausgesetzt.
Im Exil und in der Literatur des Exils zeigen sich Grundprobleme der Epoche wie Entfremdung, Identitätsverlust und Vereinsamung, aber auch eine neue Sensibilität für das Fremde und Ferne. Der 1924 in Wien geborene, in die USA geflüchtete Romancier Frederic Morton schrieb 1991 in dem Aufsatz „Exil, die Epidemie der Moderne“:

Unsere wichtigsten Autoren lernen fern vom Daheim, was das Herz ist – denn das Herz selbst ist nicht mehr daheim… Exilautoren haben eine längere und subtilere Dunkelheit erlebt… Diese Autoren haben das Exil zum Sprechen gebracht: das Exil, das im Begriff ist, unser aller Erbe zu werden.

Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser und Daniela Strigl, Vorwort

Über 50 Jahre

nach der bisher einzigen Lyriksammlung des österreichischen Exils, Dein Herz ist deine Heimat (Wien 1955), erscheint eine neue große Anthologie des Exils, der Verfolgung, des Widerstands und der inneren Emigration und stellt 278 Lyrikerinnen und Lyriker mit markanten Werkproben und in Kurzbiographien vor. Die Lyrik ist die zentrale literarische Gattung des Exils: als Überlebenshilfe in einer bedrückenden Außenwelt, als Möglichkeit des genauen und doch unmittelbaren Ausdrucks, als Behauptung der eigenen Persönlichkeit… Das Exil war 1945 und auch 1955 nicht zu Ende, und so sind seitdem viele Autorinnen und Autoren neu hervorgetreten oder überhaupt erst mit ihren bereits vor 1955 entstandenen lyrischen Werken bekannt geworden, so z.B. Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Trude Krakauer, Anna Krommer, Felix Pollak, Stella Rotenberg oder Jaffa Zins.

Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Ankündigung

 

In welcher Sprache träumen Sie?

− Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind in der Lyrikanthologie der Emigration und des Widerstands enthalten. Ein einzigartiges Dokument. −

Lyrik hat ohnehin einen schweren Stand. Exilierte Autoren müssen dazu neben dem Verlust der Heimat auch in einer neuen Sprache Fuß fassen. Wie schwer ist es dann erst für Exillyrik, zur Kenntnis genommen, gelesen und anerkannt zu werden. Versuche, die Voraussetzungen für eine umfassende Rezeption zu schaffen, sind selten, und die letzte und bisher einzige Lyrikanthologie des österreichischen Exils datiert aus dem Jahr 1955 und wurde von Rudolf Felmayer initiiert. Die Theodor Kramer Gesellschaft hat nun, herausgegeben von Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser und Daniela Strigl, die Anthologie In welcher Sprache träumen Sie? vorgelegt. In diesem Buch bekommen 278 Lyrikerinnen und Lyriker mit mehr als 500 Werkproben eine Heimat. Eine große Herausforderung der Sichtung, die angesichts der geografischen Situation einem Detektivspiel gleicht. Ein Unterfangen, das mit dem Wissen der Unvollständigkeit leben und sich bewusst sein muss, manche Rätsel nie mehr lösen und manche Pseudonyme nicht entschlüsseln zu können. Eine Herausforderung – auch für die Leserschaft.
Lyrik ist zuweilen ein Brennglas, das die Realität auf kleinstem Raum und in wenigen Zeilen bündelt. Jedes Gedicht ein Leben, von jeder Zeile können Interpretationsfäden aufgegriffen werden, um ihnen ins Leben, in die Geschichte assoziierend zu folgen. Bei so viel Leben droht sich beim Lesen ein Schwindelgefühl als Nebenwirkung einzustellen. Bei Medikamenten werden im Beipackzettel Vorschriften über die Dosierung gemacht, für Bücher ist dies nicht üblich. Notwendig wäre dies allemal. Wie liest man eine Anthologie richtig?
Im Gegensatz zu einem Roman ist der Anfang kein Beginn und die Ordnung nicht dem Bogen der Konzeption geschuldet, sondern dem Alphabet: Hugo Abel ist der Erste und er kehrt in seinem Gedicht „In der Heimat“ zurück und versucht, die Fremdheit auf den Punkt zu bringen („Im Schlafe schrien wir oft in das Dunkel / Das war unsere ganze Gemeinsamkeit“). Frank Zwillinger beendet das Unterfangen mit einer „Stanze der Überlebenden“ („Wir haben alles (außer uns) verloren, / selbst unsere Wiederkunft und den Empfang“). Selbst das Alphabet kann also eine Programmatik garantieren. Lesen vom Anfang bis zum Ende. Heimkehr und Fremde. Normalerweise sind die Lesenden Wanderern vergleichbar. Zielgerichtet peilen sie die Etappe (Gipfel oder eine Hütte) an. Im Gegensatz dazu steht das Schlendern, großstädtisches Flanieren, dessen Motivation nicht das Ziel, sondern der Weg ist. Es gibt auch ein Flanieren in Büchern, das sich bei diesem Band empfiehlt, indem man sich etwa an den Namen orientiert. Geprägt durch unsere Gesellschaft, wo das nur Ergebnis zählt, müssen Flanierer immer mit dem schlechten Gewissen kämpfen, etwas übersehen zu haben.
Da hier in diesem Band zu jeder Autorin, jedem Autor eine Kurzbiografie zu finden ist, kann das Schmökern in diesen meist nicht mehr als zehn Zeilen auch ein Springen von einem gebündelten Leben zum anderen sein. Eine aufregende Expedition in die
 Weite des Exils, in Länder, zu Bekanntschaften, politischen Bezügen und in Sackgassen. Lässt sich von der Biografie auf den Stil rückschließen? Schreiben Exilanten in den USA anders als jene in Israel? Kündigt sich in Gedichten ein Selbstmord an? Zeigen sich Unterschiede je nachdem, ob vom Exil die Rückkehr nach Österreich oder Deutschland wieder angetreten wurde? Fragen können zu Orientierungspunkten werden und dem Lesen eine neue Richtung geben.
Die Herausgeber stecken den Rahmen ab und geben Hilfen für die Interpretation. Ein klein wenig Statistik könnte dabei helfen. Strukturiert man die Biografien grob, ergibt sich die Tatsache, dass für etwas weniger als der Hälfte der in diesem Band enthaltenen Autorinnen und Autoren das Exil zur neuen Heimat geworden ist, fast 30 Prozent sind aus dem Exil nach Österreich oder Deutschland zurückgekehrt, rund 15 Prozent waren in einem Konzentrationslager beziehungsweise wurden ermordet. Ins Exil in die USA sind so viele gegangen wie in alle übrigen Länder zusammen, seien dies nun England, Israel und Lateinamerika.
So vielfältig die Länder des Exils und die Wege dorthin, so verschieden die Stile. Tradition herrscht vor, so als würde die Ordnung von gebundener Rede und Reim als Rettung in einer Welt des Chaos und der Unmenschlichkeit erscheinen. So finden sich nicht wenige Beispiele im Stile Theodor Kramers, wo der Reim für den Alltag keineswegs banal erscheint, wie jene Zeilen von Richard Beer-Hoffmann „Worte – vielleicht eines Lebens Gewinn! / Was ich gewonnen gräbt mit mir man ein, / Keiner kann keinem ein Erbe hier sein.“
Eine Gemeinsamkeit dieses Ringens um Heimat in der Fremde ist unter anderem das Bemühen, die Differenz zwischen Verlorenem und Gewonnenem zu definieren. So in den Schlusszeilen von Friedrich Berghammer „Der junge Mann im Café Hawelka“, wo ein junger Mann den Autor fragt, ob bei der Auswanderung Amerika so viel gewonnen wie Österreich verloren habe.

Ich schwieg einen Augenblick: Betroffen
antwortete ich sibyllinisch
Österreich hat auf jeden Fall
mehr an den Auswanderern verloren
als die USA gewinnen konnte
Er verstand ohne weitere Erklärung.

Differenzen sind unter anderem Wehmut, Heimweh, Trauer und Ängste.

Da erklingt ein gläsern leises Klirren,
hell und zart, wie Botschaft und Gewähr,
Es war der Milchmann. Laß dich nicht verwirren.
Jene Hand reicht nicht bis übers Meer.
(Franzi Ascher-Nash)

Die Lesearbeit an dieser Sammlung erzwingt jedoch auch Fragen wie jene, ob in Sonetten Tote an den Galgen hängen können, ob angesichts des Todes und des Verlustes literarische Maßstäbe außer Kraft treten. Wenn zum Beispiel Alexander Sacher-Masoch die Demütigung eines Juden so beschreibt: „Und sie gossen Säure, scharf, wie Gift, / über alte, dürre Greisenhände“. Wenn an anderer Stelle die Welt auf das Nichts zurast, wenn „Vom Faschisten schlagen“ die Rede ist, von todesschwangeren Wolken, erfasster Ganzheit geschrieben wird.
Nicht zuletzt ist der Optimismus der Verzweifelten, etwa jener des Roman Karl Scholz in der Todeszelle, nur schwer zu ertragen. (Ungeklärt bleibt die Frage, ob Lyrik von Widerstandskämpfern, die zum Tod verurteilt wurden, auch unter Exillyrik firmieren kann). Der industrielle Massenmord hat die Grenzen des Sagbaren neu gezogen. In diesem Sinne ist diese Anthologie ein Anfang und ein großes Stück Work in progress.

Robert Streibel, Die Presse, 11.1.2008

In welcher Sprache träumen Sie?

Der auf dem Schutzumschlag stehende Untertitel Österreichische Exillyrik wurde auf der Titelseite zu Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands erweitert, aber beides ist nicht ganz richtig. Denn einige der für diese umfangreiche Anthologie ausgewählten 278 Dichter waren nicht im Widerstand und hatten auch keine Möglichkeit, ins Exil zu gehen: nämlich jene, die als Juden in einem Konzentrationslager ermordet wurden. Die Gemeinsamkeit der Autoren besteht in der Verfolgung durch den Nationalsozialismus und in ihrer Herkunft aus dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie.
Man findet die Namen aller bekannten Lyriker, doch auch viele Gedichte von Unbekannten, die keines ihrer Werke zu Lebzeiten veröffentlichen konnten.
Die den Gedichten vorangestellten Kurzbiographien hätten durchaus umfangreicher sein können, nicht bei allen wäre dies aber möglich gewesen, da über das Leben einiger der vorgestellten Dichter wenig oder nichts bekannt ist.
Bei der Auswahl der Werke wurde vor allem darauf geachtet, dass sie inhaltlich mit dem Thema Verfolgung und Exil verbunden sind, doch auch das war nicht immer gegeben.
Nicht alle Gedichte wurden ursprünglich deutsch verfasst, manche sind z.B. aus dem Jiddischen übersetzt und einige Autoren übernahmen später die Sprache ihres Gastlandes. So wie Herbert Kuhner, der als kleines Kind aus Wien flüchtete, wo er auch heute wieder lebt; er schreibt seine Werke in englischer Sprache, die er teilweise aber selbst ins Deutsche übersetzt. So stammt der Titel zu diesem Buch aus einem seiner Gedichte:

In welcher Sprache träumen Sie?

Ich träume englisch.
Ich tagträume französisch.
Meine Albträume sind deutsch.

Evelyn Ebrahim Nahooray, david.juden.at

Rebellion gegen die Bedrängnis

− Ein Band über die österreichische Lyrik des Exils und Widerstands erschließt das Vokabular des menschlichen Miteinanders. −

Das Erscheinen dieses Bands ist zweifellos ein ganz wichtiges Ereignis in der österreichischen und deutschsprachigen Literatur – eine wirklich repräsentative Auswahl der österreichischen Lyrik des Exils und des Widerstands. Auch wenn diese Texte in der großen Mehrheit bereits in den 30er-, 40er- und 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen sind, sind sie in dieser Zusammenstellung ganz und gar neu. Natürlich kennen wir „große“ Namen wie Broch, Celan, Soyfer oder Werfel –, aber auch ihre Texte gewinnen in diesem Ensemble von 278 (!) Autor/innen mit über 500 Gedichten dadurch einen neuen Stellenwert, dass sie ihrer Kanonizität und ihrer teilweisen Verklassikerung entrissen und ganz unmittelbar in den Kontext des Kampfes gegen die Unmenschlichkeit gestellt werden.
Verwundert reibt man sich die Augen ob der unglaublichen Vielfältigkeit dieser Sammlung. Bei vielen Autor/innen ist man erstaunt, dass auch sie Gedichte geschrieben haben, bei anderen fragt man sich, warum man noch nie von ihnen gehört hat, bei wieder anderen fühlt man sich provoziert durch Töne und Bilder, die man so in dieser Lyrik nicht erwartet hätte und die einem erst nach genauerer, nachhaltigerer, langsamerer Lektüre gerade in ihrer getarnten Indirektheit als widerständig verständlich werden.
Denn dieses umfangreiche und großzügig gestaltete Buch, das den in ihm enthaltenen Gedichten und damit auch der Leseerfahrung viel Platz gibt – ganz im Gegenteil zur realen Situation vieler ihrer Autor/innen, die oft zusammengepfercht mit vielen anderen leben mussten –, ist nicht für eine einmalige Sitzung gedacht, sondern fürs Sich-Entwickeln, für das langsame Verständnis des Exils, das, in Worten Frederic Mortons, der in der Einführung zitiert wird, „im Begriff ist, unser aller Erbe zu werden“. Lieferte das vor acht Jahren erschienene, nicht minder zentrale Lexikon der österreichischen Exilliteratur von Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser eine enzyklopädische Grundlage, so bringt diese Sammlung der österreichischen Exillyrik nun, wieder mit Morton, „das Exil zum Sprechen“.

Begleiter unserer Zeit
Dabei verleihen die kurzen biografischen Einträge, mit denen die Autor/innen vorgestellt werden, dem Band eine besondere Stimmung. Im Unterschied zum Lexikon wird hier weitgehend auf Verben verzichtet. Staccatohaft geben diese Darstellungen Informationen über diskontinuierliche Lebensläufe, die gerade in ihrer extremen Kürze und ihrer faktischen Sprache auf die Brüche und Löcher in diesen Leben deuten. Welche Vielfalt an Berufen sich hier findet! Welche langen Listen von Ortsnamen auf dem gesamten Globus, von Czernowitz nach Graz, von Kalifornien nach China – Hinweise auf Wanderungen, die oft schon lange vor Flucht und Vertreibung begannen! Allein schon die Anordnung der Autor/innen im Format des großen demokratisierenden Gleichmachers, des Alphabets, hat einen besonderen Effekt, da sie aktivistische Arbeiter ganz zufällig neben Universitätslehrer, die „innere Emigration“ neben den in der KZ-Todeszelle Sitzenden stellt. Sie alle eint die Entscheidung für ein Genre: die Lyrik, das Gedicht. Nicht nur ermöglicht es – zumindest seit der Romantik – die Rebellion des Individuums gegen kollektive Bedrängnis, die oft radikalste Stimme des Widerstands des isolierten Menschen. Auch ganz praktische Gründe sprechen für die Gattung – etwa die Möglichkeit, Gedichte auf kleinem Raum aufzuzeichnen und aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln, sie auswendig zu lernen und damit unzerstörbar zu machen, auf sie zu rekurrieren, wenn keine Möglichkeit zur Lektüre besteht.
Es ist ein größeres Österreich, das hier vertreten ist, ein Mitteleuropa im Sinne von Karl-Markus Gauß, wobei Autor/innen aus der Bukowina und ganz besonders Czernowitz – nicht überraschend! – besonders stark repräsentiert sind. Einige von ihnen haben das österreichische Staatsgebiet nach dem Zerfall der Monarchie gar nie betreten und gehören trotzdem ganz eindeutig „dazu“ – und sei es nur, weil sie sich in ihren Gedichten dieselben Fragen stellen wie ihre Kolleg/innen aus dem kleineren Österreich – ohne immer identische Antworten zu geben. Dieser Band macht Lust auf Lyrik, auf eine Lyrik, die uns fremd-eigene Welten und ein neues Vokabular für menschliches Miteinander erschließt. Hintereinander gelesen gibt jedes einzelne Gedicht Fragen auf, deren vorläufige Antworten von den nachfolgenden relativiert, modifiziert oder erweitert werden. Spannender kann Lektüre nicht sein. Das Buch ist ein Begleiter für unsere Zeit.

Walter Grünzweig, der Standart, 29./30.3.2008

Exile on Mainstreet

Lange angekündigt, ist nun im Theodor Kramer Verlag eine Anthologie der österreichischen Exillyrik unter dem Titel In welcher Sprache träumen Sie? erschienen. Man merkt beim Lesen schnell: Es geht nicht nur um eine neue Anthologie der österreichischen Exillyrik, sondern um einen Band, der weit mehr als das Einschlägige und das schon Bekannte präsentiert. Es sind über 500 Gedichte von österreichischen Lyrikerinnen und Lyrikern, die hier versammelt sind, wobei das „Österreichische“ gewohntermaßen weitflächig definiert ist. Im Grunde gab es noch nichts Vergleichbares, sieht man von einem schönen Band Dein Herz ist deine Heimat (der aber die Lyrik des Exils nur subsumierte) und von Sammlungen der gesamten deutschsprachigen Exillyrik ab, von denen Manfred Schlössers Band An den Wind geschrieben besonders im Gedächtnis geblieben ist. Dessen bio-bibliografische Angaben waren 1960, als dieser Band erschien, besonders wichtig, denn damals stand die Exilforschung noch an ihren Anfängen.
Wer die Lyriksammlung von Rudolf Felmayer Dein Herz ist deine Heimat von 1955 aufschlägt und dann zur neuen Anthologie greift, der mag sich denken: Früher schrieben Exilautoren anders. Man merkt daran, dass Herausgeber imstande sind, unseren Blick auf Exillyrik zu verändern. In diesem Fall sind es drei wirkliche Fachleute, von denen der erste, Miguel Herz-Kestranek, als Sohn jüdischer Remigranten ins Thema noch hineingeboren wurde. Die beiden anderen, Daniela Strigl und Konstantin Kaiser, sind zwei Literaturwissenschaftler, die schon viele Meriten im Hinblick auf die Exilliteratur gesammelt haben. Das erweiterte Panorama, das ihr Band eröffnet, ist Resultat langjähriger Recherche, die sie nicht nur zu Bücherschränken führte, sondern auch zu Zeitungsmagazinen und zu den Schreibtischschubladen der Überlebenden. Es sind nicht nur Gedichte, die das Leiden und das Erleiden dokumentieren, es sind nicht nur Spiegelungen politischer Glaubensbekenntnisse, sondern es ist eine Anthologie der Moderne, ein weites Panorama der Schreibweisen, des Spiels mit den Formen und den Themen.
Die Autoren sind alphabetisch geordnet, ihre Gedichte sind eingeleitet von einem kurzen biografischen Abriss, und dennoch ist dies kein neues Lexikon der Exilliteratur, aus dem einfachen Grund, weil Lyrik gewissermaßen das Sorgenkind des Exils war, das „Aschenbrödel unter den Gattungen“ (so der Literaturwissenschaftler Frithjof Trapp) – eine Gattung jedenfalls, von der viele Exilanten, darunter auch Lyriker, sich fernhielten. Warum? 1942 notierte sich Brecht in Santa Monica: „hier lyrik zu schreiben, selbst aktuelle, bedeutet: sich in den elfenbeinturm zurückzuziehen. es ist, als schreibe man goldschmiedekunst. das hat etwas schrulliges, kauziges, borniertes. solche lyrik ist flaschenpost.“ Schlechte Zeiten für Lyrik also. Andererseits erinnern wir uns an Ruth Klügers Buch weiter leben, das ein eindringliches Plädoyer für Gedichte enthält. Über den Alltag in Auschwitz erzählt sie, dass dort jedes Gedicht „zum Zauberspruch“ wurde.
In welcher Sprache träumen Sie? So einfach ist das keineswegs, denkt man beim Titel dieser schwergewichtigen Anthologie, weil Träume eben nicht für eine Sprache (die „Muttersprache“) reserviert sind. Befriedigt liest man dann das titelgebende Gedicht auf Seite 297: „Ich träume englisch / Ich tagträume französisch / Meine Albträume sind deutsch.“ Der Autor heißt Herbert Kuhner, 1935 geboren, 1939 mit den Eltern nach England geflohen, Verfasser einer eher übersehenen Autobiografie (Der Ausschluß, 1988), ein streitbarer Autor, der sich im heutigen Wien als Übersetzer betätigt. In den gängigen Literaturgeschichten des Exils sucht man ihn vergeblich. Auch daran mag man das Gewicht des Buches ermessen: 278 Lyrikerinnen und Lyriker des Exils sind hier versammelt, weit mehr, als je in Lyrikanthologien ediert wurden, und selbst das Lexikon der österreichischen Exilliteratur verzeichnet nicht alle Namen. Dass die Albträume deutsch waren, das erinnert auch an eine der frühesten österreichischen Verdrängungsleistungen des Nachkriegs, weil man nämlich nach 1945 in den Schulen nicht mehr „Deutsch“ oder „Österreichisch“, sondern „Unterrichtssprache“ lehrte.
Jede Anthologie fordert zur Nachforschung auf und zur Überprüfung: Nach welchen Kriterien wurde ausgewählt, und wie ist das Ausgewählte geordnet? Die wichtigste Entscheidung der Herausgeber ist vielleicht, dass sie auch die Literatur des Widerstands, Gedichte aus den nationalsozialistischen Lagern und solche des „inneren Exils“ mitberücksichtigten (Erika Mitterer ist aufgenommen, glücklicherweise auch Selma Meerbaum-Eichinger, von der einige der beeindruckendsten Gedichte des Bandes stammen, aber beispielsweise nicht Karl Kraus, dessen Gedicht „Man frage nicht, was all die Zeit ich machte“, sicher zu den eindringlichsten dieser Zeit gehört). Dass die Autorinnen und Autoren in alphabetischer Reihenfolge geordnet sind, ist einleuchtend und erleichtert die Suche. Weniger einleuchtend ist, dass fast alle chronologischen Hinweise, vor allem die Entstehungsdaten der Gedichte, fehlen. Aber man sollte wohl nicht zu viel mäkeln, wenn man ein so beeindruckendes Geschenk bekommt.

An einem Punkt freilich sollte man doch Widerspruch anmelden, dort nämlich, wo Konstantin Kaiser im Vorwort schreibt: „Dem literarischen Rang nach steht die Exil- und Widerstandsliteratur weit über den Werken jener Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich in der Reichsschrifttumskammer organisierten.“ Sicherlich gibt es für den Satz viele Belege, und dennoch haftet ihm etwas Unrichtiges an, nämlich die Vermischung von zwei Kriterien, einem moralischen und einem literaturästhetischen, weil impliziert wird, dass die politische Position oder der geografische Standort des Außen mit der literarischen Qualität zusammenfällt. 
Exilliteratur hat es nicht nötig, dass man sie mit außerliterarischen Mitteln aufwertet, aber freilich steht der Satz in der Tradition der Exilliteraturforschung: Die Aufarbeitung dieser Literatur steht seit den Sechzigerjahren unter dem Zeichen einer Wiedergutmachung, sie ist geprägt vom Widerstand gegen eine restaurative und aggressive Praxis des Verdrängens und Wegschiebens, und sie war deshalb nicht frei von Projektionen. Die Vorstellung von der Einheit einer Exilliteratur war von Anfang an ein Ideal der danach Suchenden, eine Projektion der Literaturwissenschaftler auf die Literatur des Exils. Es wäre jetzt aber an der Zeit, sich stattdessen auf das genuine Kennzeichen der Exilliteratur zu besinnen: In ihr vermischen sich Kulturen, Sprachen und Traditionen, sie ist Teil jener modernen europäischen Literatur, die immer schon von Zuströmen, von Wanderungen und gegenseitigen.

Michael Rohrwasser, Falter, 23.4.2008

Heimatlos

„Abschied vom Kerker“, schrieb Jakob Haringer 1940 an die Wand seines Zürcher Gefängnisses, bevor ihn die Fremdenpolizei in ein Baselbieter Lager überführte, aus dem er später zurück nach Zürich floh:

Lebe wohl, du liebe kleine Zelle!
Kleine arme Zelle, lebe wohl
(…) Wird der nächste Kerker Heimat geben −
Wird das nächste Zuchthaus lieber sein?

Der Krieg hatte begonnen, Frankreich war gefallen, und Haringer, ein 42-jähriger Expressionist aus Salzburg, hatte trotz prominenter Empfehlungen – etwa von Albert Einstein – nicht rechtzeitig ein Visum für die USA bekommen. In der Schweiz sass er fest, und noch mehrere hiesige Anstalten sollte er kennenlernen: Knäste, Lager, psychiatrische Klinik. 1948 starb der Dichter im Zürcher Exil.
Andere schrieben ebenfalls im Gefängnis, aber in der Todeszelle, beispielsweise Fritz Mastny, der 1943 in Wien als kommunistischer Widerstandskämpfer enthauptet wurde. Hilda Monte, jüdische Emigrantin, starb im April 1945 an der Vorarlberger Grenze, nachdem sie unter falschem Namen ins „Dritte Reich“ gereist war, um dort mit dem Widerstand Kontakt aufzunehmen. Diesmal wurde sie von der SS erwischt. Das Gedicht „Sprecht nicht von Mut“ ist ihr eigener Nachruf.
Texte von Haringer, Mastny und Monte finden sich in einer umfangreichen Anthologie über österreichische Exil- und Widerstandslyrik, die die Theodor-Kramer-Gesellschaft herausgegeben hat. Auch Theodor Kramer war ein Exildichter, den heute fast niemand mehr kennt, und zwar einer der produktivsten. Der Band versammelt 278 LyrikerInnen, darunter berühmte Namen wie Rose Ausländer, Erich Fried, Hilde Spiel und Stefan Zweig. Etwa die Hälfte der österreichischen DichterInnen ist durch den Nationalsozialismus vertrieben, getötet oder sonst zum Schweigen gebracht worden. Die Theodor-Kramer-Gesellschaft erinnert seit Jahren an sie. Mit einer Literaturzeitschrift – Zwischenwelt −, mit Einzelpublikationen und jetzt mit dieser Anthologie.

Stefan Keller, WOZ, 22.3.2007

Die neue Luft atmen

Die meisten Autorinnen und Autoren, die nach dem Februaraufstand 1934 und dann vor allem nach dem so genannten Anschluss 1938 aus Österreich flüchten mussten, fanden sich in der fremden Umgebung keineswegs sofort zurecht. Neben vielen anderen Schwierigkeiten, mit denen nahezu alle Flüchtlinge zu kämpfen hatten, wurde der Verlust der Muttersprache oft zum gewichtigsten Problem. Zudem wurde das Zutrauen geringer zu einer Sprache, deren Wörter, mit deutschnationalen Konnotationen aufgeladen, von den Nationalsozialisten usurpiert und in den braunen Sprachschatz übernommen worden sind. Die Klage über den Verlust der Sprache ist daher ein zentrales Thema der Exilliteratur.
Joseph Roth hat im Exil von einem „Schisma der deutschen Sprache“ gesprochen und dabei die nur mit höchster Anstrengung zu überwindenden Hürden, die jede literarische Kommunikation beeinträchtigt haben, anschaulich charakterisiert: „Ein Engländer, Franzose, Italiener, der sich eine Stunde mit Hitler, Ribbentrop und Goebbels unterhalten hat, wird nie mehr imstande sein, unser Deutsch zu verstehen. Es wird ihm chinesisch vorkommen, wie uns das Deutsch des Dritten Reiches.“

Preisgabe eigener Kultur
Die Konsequenzen, welche die Schriftsteller im Exil aus dem „Schisma der deutschen Sprache“ gezogen haben, sind allerdings sehr unterschiedlich. Nicht wenige orientieren sich nämlich keineswegs an dem Plädoyer, das Ernst Bloch 1939 gegen den Sprachwechsel, gegen die Preisgabe der eigenen Kultur ins Treffen geführt hat. Sie versuchen vielmehr, im Exil „die neue Luft zu atmen“ (Elias Canetti), die fremde Sprache zu verstehen, wenn auch nicht unbedingt in ihr „aufzugehen“ (Theodor Kramer), und gelegentlich sogar die Muttersprache und die Fremdsprache zu mischen. Während es älteren Autoren naturgemäß weniger leicht fällt, in die Sprache des Exil- oder des Asyllandes zu wechseln, finden sich unter den jüngeren Schriftstellerinnen und Schriftstellern gar nicht so wenige, die auf Dauer oder wenigstens zeitweise sich in die Literatur des Gastlandes einfügen. Für Autoren, die aus einer mehrsprachigen Umgebung kommen, aus Czernowitz, aus Budapest, aus Prag, oder die den Beruf des Übersetzers gewählt haben, wird das Exil vielfach nicht zu einem Ort der „Sprachkrisis“, sondern weit mehr Startpunkt einer neuen Karriere.

Zwei und mehr Sprachen
Primus-Heinz Kucher, Mitinitiator und gemeinsam mit Karl Müller Projektleiter des groß angelegten, seit Sommer 2002 im Internet zugänglichen Forschungsprojekts „Österreichische Literatur im Exil“, nennt in seinem Beitrag über „Sprachreflexion und Sprachwechsel im Exil“ neben anderen die folgenden Autorinnen und Autoren österreichischer Herkunft, die in zwei, in manchen Fällen sogar in mehreren Sprachen geschrieben haben: Jean Améry, Rose Ausländer, Vicki Baum, Alfredo Bauer, Elazar Benyoëtz, Klara Blum, Paul Celan, Hans Flesch-Brunningen, Erich Fried, Mimi Grossberg, Arthur Koestler, Jakov Lind, Robert Neumann, Felix Pollak, Lore Segal und Hermynia Zur Mühlen.
Gewiss, für manche von ihnen blieb die Frage der Sprache und der Identität lebenslänglich ein existenzielles Thema, wie für Jean Améry, der jahrelang den Gedanken erwog, ein französischer Schriftsteller zu werden, oder für Elazar Benyoëtz, der trotz seiner tiefen Verwurzelung in der sprachlichen Heimat des Judentums sich eines Tages entschied, wieder deutsch zu schreiben. Aber das Hinausgeworfen-Werden aus scheinbar gefestigten und das Eintreten in neue Identitäten schloss die Entwicklung eigenwilliger, eigener poetischer Konzepte ganz und gar nicht aus.

An den Rand gedrängt

Wie viele ‚eigene‘ Gedichte im Exil entstanden sind, ist wohl kaum mehr zu rekonstruieren. In der kurzen Einleitung zur Anthologie In welcher Sprache träumen Sie? ist davon die Rede, dass in Österreich rund 1200 Personen, die literarische Arbeiten geschrieben haben oder später schreiben sollten, verfolgt und zum Teil auch ins Exil getrieben worden sind. Knapp 300 von ihnen sind in diesem Buch vertreten (in alphabetischer Reihenfolge; sie sei „übersichtlicher“ als jede andere, meinen die Herausgeber), mit rund 500 Gedichten.
Viele der hier versammelten Autorinnen und Autoren haben weder unmittelbar nach 1945 noch später in ihrem „Heimatland“ die ihnen gebührende Wertschätzung erfahren. Und manche werden schon wieder an den Rand gedrängt; in einer der jüngsten Gesamtdarstellungen der österreichischen Literatur, in der von Herbert Zeman herausgegebenen Literaturgeschichte Österreichs von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart, steht das (von Joseph Strelka formulierte) Urteil, „den immer wieder genannten und weidlich überschätzten Lyrikern Erich Fried und Theodor Kramer“ sei hinlänglich genug Aufmerksamkeit gewidmet worden. Gilt das auch für die Gedichte von Eva Aschner, Erwin Chargaff, Paul Leppin, Moses Rosenkranz, Stella Rotenberg, Tuvia Rübner, Ernst Waldinger?
Diese Anthologie bietet Anregungen über Anregungen, Gedichte zu entdecken oder wieder zu lesen, übrigens auch Gedichte von Fried und Kramer, die längst nicht „hinlänglich“ bekannt sind.
Gedichte vor allem, die bezeugen, dass es den Autorinnen und Autoren im Exil angesichts der politischen wie der persönlichen Situation zumeist um anderes ging als darum, weiterhin, wie gewohnt, ‚Kunst‘ zu produzieren: Theodor Kramer zum Beispiel, der unter dem Vertriebenen-Status ganz besonders gelitten hat und im englischen Exil Tag für Tag in neuen Gedichten seine Verletzungen registriert, sträubt sich dagegen, die Schreibweise zu ändern. Seine besten Gedichte aus den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zeichnet aus, dass sie jener Gelassenheit, auch jener Apathie, die seine Figuren ausstrahlen, geduldig entgegenwirken durch ein unaufhörliches Unruhe-Schüren. Dieses Merkmal wird im Exil massiv verstärkt, in Gedichten, die in der Ablösung von kulturellen Zugehörigkeiten nicht nur eine lebensgefährliche Bedrohung, sondern auch eine Chance festzuhalten versuchen.

Gedicht als Dokument
Das Gedicht „Begegnung“ gehört bestimmt nicht zu den stärksten Gedichten des Autors. Es ist weder in der Anthologie noch in der dreibändigen Ausgabe der Gesammelten Gedichte Kramers enthalten, es liegt als Manuskript in einer Kassette des Brenner-Archivs an der Universität Innsbruck. Kramer hat es nämlich im Jahre 1951, in einer Sammlung von 24 Gedichten, aus England nach Innsbruck geschickt in der Hoffnung, der dort stationierte Rundfunk-Sender könnte „einige von ihnen geschlossen oder auch einzeln verwenden“. Ist nicht auch dieses Gedicht ein aufschlussreiches Dokument?
Die Struktur dieses Gedichts ist schlicht: betont-einfache Paarreime, nie variierter Kehrreim und seltsame Kontraste zwischen den fast krampfhaft-gehobenen Stilformen und jenen eher groben, die Anklänge an die gesprochene Sprache vermitteln. Vieles bleibt ambivalent. Es bleibt offen, wer da wem begegnet, ob hinter dem lyrischen Ich der Autor steht oder eine Prostituierte (eine Figur, die in Kramer-Gedichten immer wieder begegnet), ob das „Reissen“ (eine Krankheit, die man unter dieser Bezeichnung im Pschyrembel vergeblich sucht) und die „Kolik“ bloß Alterserscheinungen andeuten oder auf psychische, gar politische Befindlichkeiten zurückverweisen und was am Ende alles, im Verständnis der Alten, „auf den Hund“ gekommen, verloren ist. Wo es ihm jedoch darauf ankommt, nicht missverstanden zu werden, schon gar nicht in finsteren Zeiten, in welchen, wie im Gedichtkörper, die private und die politische Misere sich unlösbar ineinander verketten, dort bevorzugt Kramer die Poetik des Klartexts: „Vor mir, was du sagen magst, macht nichts dich klein; / wir können’s uns leisten, ganz offen zu sein.“
Alle Tabus, die herkömmliche sprachliche Regelungen implizieren, alle Tabus auch, die sich aus sozialen, kulturellen, religiösen Zugehörigkeiten gemeinhin ableiten (lassen), werden in Kramers Begegnung zur Seite geschoben: Was zählt, unter den im Gedicht angeführten Bedingungen, ist einzig und allein die eigene Lebensform, die Sprache, in der die Figuren träumen.
Die gebundene Sprache: Sie gab den Verfolgten, wie Ruth Krüger in ihren Erinnerungen notiert hat, „eine Stütze“; sie lässt sich, wie die Herausgeber dieser Anthologie hinzufügen, „leichter auswendig lernen“. Das Buch versammelt sehr viele Gedichte, die immer noch dieses Kriterium hochhalten. Darunter gelegentlich Gedichte, die schon lange vor dem Exil entstanden, aber im Exil oft und oft zitiert worden sind, wie das „Schlaflied für Mirjam“ von Richard Beer-Hofmann. Darüber hinaus jedoch auch Gedichte, und über dieses Neben- oder Durcheinander ließe sich länger diskutieren, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern oder in der Inneren Emigration geschrieben und weitergegeben worden sind.
Fast scheint es, als ob letztere erst sehr knapp vor der Drucklegung noch in diese Anthologie gerutscht wären: Der Untertitel auf dem Buchumschlag „Österreichische Exillyrik“ verweist jedenfalls auf ein anderes Konzept als der Untertitel des Titelblattes „Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands“.

Zwei Literaturen?
Es wäre billig – und wohl nicht recht –, den einen oder anderen Text heraus- und stattdessen einen anderen hineinzureklamieren. Dass Elazar Benyoëtz, der eben in Jerusalem seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, in diesem Buch fehlt (und nicht fehlen dürfte), sei immerhin angemerkt. Aber eines ist hier, abschließend, doch kritisch festzuhalten: Das zentrale Ordnungs-Konstrukt, das in der Einleitung wiederholt auftaucht und besagt, die „Exil- und Widerstandsliteratur“ auf der einen Seite und die „Nachkriegsliteratur“ auf der andern stünden grundsätzlich „unversöhnt“, es gäbe „in Österreich bis heute zwei Literaturen nebeneinander“, dieses Konstrukt wird nicht zuletzt durch die vorliegende Anthologie gründlich widerlegt. Es fällt vollkommen in sich zusammen, weil zahllose Querverbindungen zwischen der „Widerstandsliteratur“ und der „Nachkriegsliteratur“ und auch der Gegenwartsliteratur in einem derart schlicht angelegten Gebäude, das lediglich zwei Kammern für zwei einander entgegengesetzte Lager bereitstellt, alle Wände zum Einsturz bringen.

Johann Holzner, Die Furche, Heft 16, 2007

 

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