Ungarische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Ungarische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts

Ungarische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts

STERN AUF DER STIRN

In Flammen sich drehende Tage,
1944–45

Sie kamen, kamen herab,
talwärts, hernieder zuhauf,
wie auf dem Wege zum Werk
Kerle in Scharen, so
friedfertig-langsam, so schulterbreit,
finster vom Frühfrost,
ruhig bewußt ihres Rechts –

kamen, als wären der Erde
erstarrte Krusten auf einmal
aufgebrochen und nahten
in Massen unförmig, in Klumpen
hartschwarz, furchtbar, in stummem
Zorn, gerechtigkeitsträchtigem;
kamen, zogen zu Tal
wie Wolkenfetzen
herniedergerissen,
sturmschatten-düster,
wetterleuchtend von Blitzen –

kamen, kamen
tausendmeilenher,
aus unergründbaren Tiefen ferner
Ebenen, aus rätselschwangeren
Reichen, kamen durch Flammen,
über Leichen hin, her
über anklagende Erden,
vom Feind zerstampfte,
watend durch trostlosen
Aschenstaub, Blutschlamm,
wo früher vertraut zwischen freundlichem
Birkensilber die Heime
leuchteten, torkelten sie
durch Ausgebranntes – aus kahlen
Ruinen schlug Rauch, kleiner Kinder
ersticktes Gezirp, greiser Großväter
gebrochenes Jammern, wehte
der Rauch, racherufende,
lange schwebende Fahne –

kamen, als solche, die seither
nie rasten und Ruhe
nicht finden – auf nackter Scholle
schlafend, im Schnee und im Schlamm, wo der Schlaf
ihre Augen gerade befiel,
kamen und kamen,
nahten, Gesichter wie Stein, rückten vor,
treibend die Fremdlinge, die
verhaßten, die Henker der Heimat, die
Brandbringer, Blutvergießer –

kamen und kamen – eisenschwarz
von Nacht und Dezemberkälte,
schlaflos; auf Straßenmitte
kamen sie, kamen vom Hügel her,
den Stern auf der Stirn –
Aufbebte Morgenlicht auf
dem mürrischen Himmel hinter ihnen, Geheimnis
neuen Zeitalters dämmerte – – –

Imre Csanádi
Nachdichter: Paul Wiens

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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