Christoph Buchwald & Jürgen Becker (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1987/88

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Buchwald & Jürgen Becker (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1987/88

Buchwald & Becker (Hrsg.)-Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1987/88

IMMER WIEDER WAS NEUES

Erst gestern die irre Geschichte mit dem BIG BANG
(Das hätte man sich ja eigentlich denken können
Daß so was wie unser Universum per UR-KNALL
aaaaaentsteht)
Jetzt wieder (als wäre das nichts) die
aaaaaBenachrichtigung
Über die kürzliche Umpolung unserer Pole
(Vom END-KNALL falls noch Zeit bleibt gerne ein
aaaaaanderes Mal)
Vor kaum achthunderttausend jahren und etwas
Soll das passiert sein Ach immer wieder was Neues
Nein wirklich Elke ich halte es fast nicht mehr aus

Adolf Endler

 

 

Brief

Bedauerlich, daß bisher offenbar kein Rezensent die Besonderheit des Jahrbuchs, also die kontinuierliche, stilbildende Arbeit der Herausgeber erkannt hat. Freilich sind die besseren Lyrik-Kritiker oft selbst Lyriker (was schon problematisch genug ist) und teilweise ja auch Autoren des Jahrbuchs und fallen insofern als Rezensenten aus, während die sogenannten Berufskritiker (häufig mit dem Aufklärungsfimmel behaftet) sich an Gedichte selten herantrauen, weil sie hier mit ihrer im Schnellverfahren abgezurrten Inhalts- bzw. Motiv-Bestimmung kaum vorankommen und ziemlich nackt dastehen würden.
Es mangelt der Lyrik-Kritik vor allem an Aufmerksamkeit für sprachliche Prozesse, die eben nur von innen heraus freigelegt werden können. Während der oberflächliche Kritiker eines Gedichtbands z.B. „Resignation“ oder „Todesverfallenheit“ beklagt, könnte die zupackende sprachliche Untersuchung (das Gegeneinander der Wörter und Sätze, Spannungen, harte Verschneidungen, Sinn und Hintersinn etc.) vielleicht gerade umgekehrt „Hoffnung“ oder „Aufbruch“ signalisieren. (Gedichte richten sich stets gegen den Tod.)
Ich habe allerdings den Eindruck, daß die Herausgeber Jahr um Jahr dunklere Gedichte bevorzugen (1986 war in dieser Hinsicht ein Höhepunkt), was wiederum – sofern es einer allgemeinen Tendenz entspricht – gesellschaftliche Rückfragen nötig macht. „Dunkelheit“ bedeutet bei rumäniendeutschen und DDR-Dichtern, die unter Polizeistaats-Bedingungen schreiben, doch wohl etwas fundamental anderes als bei Lyrikern aus der Bundesrepublik. Oder ist die Verteidigung des Individuums und der Landschaft das verbindende Moment: weg von der offiziellen und Alltagssprache, die sich korrumpiert hat, hin zu einer geheimen Rede der „Wissenden“?
Doch niemand mag heute diskutieren, ich weiß, schon gar nicht über Literatur.

Michael Buselmeier

Abschließende Notizen

1. „61% halten die Gedichte von Herrn Benn für unverständlich, bei 17,4% Enthaltungen.“

Zwei große Gruppen setzen sich von Jahr zu Jahr deutlicher voneinander ab, die Kluft ist größer geworden und scheint mittlerweile unüberwindlich: auf der einen Seite die Autoren mit den „dunklen“ (Michael Buselmeier, S. 130) und „schwierigen“ (Brigitte Oleschinski, S. 127) Gedichten, auf der anderen die – den Einsendungen zufolge – dreimal so große Gruppe derjenigen, die Meinungsbonmot, private Gefühlsmitteilung und Alltagsnotat immer noch für angemessene, unverbrauchte Ausdrucksmöglichkeiten der Lyrik halten. Was die beiden Gruppen voneinander trennt, sind

− die Kenntnis dessen, was geleistet worden ist in der Poesie, die Kenntnis der Tradition: Gedichte, die „Tradition ins Bewußtsein heb(en), ohne sich ihr zu beugen“ (Adorno, Thesen über Tradition, Bd. 10.1, S. 317);

− das Wissen um die Tatsache, daß z.B. ein Gedicht über Bäume (vgl. z.B. S. 58) heute anders geschrieben werden muß als vor fünf, zehn, dreißig Jahren. Nirgends wird Zeitgenossenschaft so deutlich wie derzeit in den Naturgedichten – bloß: die pure Mitteilung, daß der Wald stirbt und dies entsetzlich ist, macht und rechtfertigt noch kein Gedicht;

− das Mißtrauen gegen das Pathos der Rebellion, gegen „Wut und Trauer“, den „aufrechten Gang“ und den Gestus der Jungen Wilden, die – anders als in der Musik – bis jetzt noch keinen eigenen Ausdruck gefunden haben, der sich gegen den der ,Väter‘ wirklich absetzt. (Die Dichter des Jahrgangs 1929 schreiben immer noch Maßstäbe setzende Gedichte, und das schon seit dreißig Jahren.)
Dieses siebte Jahrbuch der Lyrik hält es, anders als noch das erste (bei claassen, 1979), ziemlich einseitig mit der ersten Gruppe und druckt bevorzugt neue Gedichte ab, in denen versucht wird, in „noch unerforschte Bezirke des Sagbaren“ vorzudringen (vgl. den Aufsatz von Michael Braun zur Gegenwartslyrik ,Eklektizismus und Montagekunst‘ in: Sprache im technischen Zeitalter, Heft 98, 1986, S. 91-106). Die besten Gedichte dieses Jahrbuchs sind „durch keine andere literarische Form ersetzbar“ (Walter Hinck).
Wer in der Lyrik „Allgemeinverständlichkeit“ fordert, weil er sich nicht traut, „das unterste Niveau“ zu sagen, wer wie der beim Literarischen März für das „engagierte Gedicht“ streitende Fritz Deppert, mehrdeutige und also vielschichtige Gedichte gleich für „Wendelyrik“ hält (vgl. S. 130), wird mit dem Jahrbuch ebenso wenig anfangen können wie der um die Großstädte herum flächendeckend rezensierende Jürgen P. Wallmann, der das Jahrbuch daraufhin durchsieht, ob seine favourite top twenty darin berücksichtigt sind −.
Nein, für die Blauäugigen, denen das Komplexe zu anstrengend und die Gedichte des Jahrbuchs zu „einseitig“ sind, haben wir keinen Trost – die „kürzeste literarische Textsorte“, wie ein in der Poesie besonders unbelesener Deutschlehrer Gedichte kategorisierte, ist auch die konzentrierteste, die vielschichtigste und im Sinne einer eindeutigen „Aussage“ schwierigste Gattung. Daran hat sich, seit es Gedichte gibt, wenig geändert.

„Soll Bach deshalb das Musikalische Opfer, die Summa seines Schaffens, umschreiben? Wenn den Leuten der parfumierte Rameau mit seiner Effectenharmonik mehr convenieret, so mögen sie nur artig hinhören und dabei mit den Füßen scharren wie der Esel vorm Futtersack!“ (Zeitgenössischer Anonymus, 1749).

2. Zwischenfragen, die Kritik betreffend
Warum fallen sämtlichen Presseleuten in den Verlagen beim Rezensionsversand von Gedichtbänden immer nur dieselben Standard-Kritikernamen ein (Hartung, Heise, Hinck, Krolow, v. Schirnding, Ueding)? Liegt es an den Presseleuten? Wohl kaum. Sind nur Heinrich Vormweg und Michael Braun als ,häufigere‘ Rezensenten von Lyrik dazugekommen? Und warum besprechen – von FAZ bis taz und von Zitty bis ZEIT auffallend wenige jüngere Kritiker Lyrik? Und die Kritikerinnen?
Und: Nachdem es die Kolumne „ZEIT-Gedichte“ nicht mehr gibt, steht (fast) alles, was über Dichter und Gedichte geschrieben und an Gedichten abgedruckt wird, in der FAZ: im Rezensionsteil, im gerahmten Kasten und in der Frankfurter Anthologie. Warum passiert das regelmäßig nur in einer Zeitung, in dieser, in keiner anderen? Obwohl Ulrich Greiner, Volker Hage, Wolfram Schütte und Wolfgang Werth notorische Gedichteleser sind?

3. Fünf Hinweise für den Leser
Aus Gründen des Umfangs mußte die „Retrospektive“ 1986 entfallen. Statt dessen stellt die „Vernissage“ (S. 11 ff.) Gedichte von sechzehn (mit Ausnahme von Paul Wühr) jüngeren Autoren vor, auf die aufmerksam zu machen den Herausgebern wichtig ist.
Die Gedichte aus Dänemark (S.108 ff.) wurden von Erik Skyum-Nielsen, Redakteur der Poesie-Zeitschrift Das Blaue Tor (Kopenhagen), und Professor Harly Sonne (Utrecht/Kopenhagen) ausgewählt, Gregor Laschen hatte die Redaktion und stellte mit Gerd Schubert die Bibliographien der Lyriker/innen zusammen. Für fast alle Übertragungen der Gedichte ins Deutsche erarbeitete Peter Urban-Halle die Interlinearversion. Wie schon im Jahrbuch der Lyrik 1984 der „Blick zum Nachbarn“: Holland, so kann auch diese kleine Auswahl dänischer Lyrik nur ein Hinweis zum Weiterlesen sein (vgl. auch die horen, Bd. 146, 1987) und die Frage provozieren, warum Dänemark für uns bis heute terra incognita geblieben ist.
Als Autor und (für die Poesie sich unermüdlich einsetzender) Rundfunkredakteur hat sich Jürgen Becker hinsichtlich eines Nachwortes für „befangen“ erklärt. Die Herausgeber haben dieser Befangenheit einstimmig stattgegeben.
Das Umschlagbild und sämtliche Kapitelbilder hat Gerrit Bekker eigens für dieses Jahrbuch angefertigt.
Ror Wolfs „3 Geburtstagsstrophen für Hans Altenhein“ – zum 60. Geburtstag – stehen gegenüber. Als Geschäftsführer des Luchterhand Verlags Darmstadt hat Hans Altenhein das Projekt Jahrbuch auch in absatzschwachen Zeiten immer unterstützt. Daß es nach dem Verkauf des Luchterhand Verlags als Luchterhand Jahrbuch der Lyrik im neuen Haus fortgesetzt wird, wünschen wir den Lesern, den Dichtern und uns.

Christoph Buchwald, Oktober 1987

 

Das vierte Luchterhand Jahrbuch der Lyrik

− stellt in der „Vernissage“ sechzehn neue Autoren vor

− druckt eine Auswahl unveröffentlichter Gedichte, die – wenn man sie in der Reihenfolge der Kapitel liest – anfangen, über Welt und Poesie zu dialogisieren

− bringt im „Blick zum Nachbarn“ eine Auswahl zeitgenössischer dänischer Gedichte

− und enthält sechs Kapitelbilder von Gerrit Bekker

− zwei poetologische Autoren-Überlegungen

− sowie abschließende Notizen über Einseitigkeit und blaue Augen

Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 1987

 

Christoph Buchwald: Selbstgespräch, spät nachts. Über Gedichte, Lyrikjahrbuch, Grappa

Das Jahrbuch der Lyrik im 25. Jahr

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979-2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik

 

Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Jürgen Becker + KLG

Zum 60. Geburtstag Jürgen Beckers:

Heinrich Vormweg: Ein Poet in seinen Umgebungen
NRW literarisch, Heft 5, 1992

Walter Hinck: Vielleicht das letzte Glänzen: Sinfonien, Radiostimmen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.7.1992

Sabine Küchler: Die Entdeckung des „multiplen“ Ich
Der Tagesspiegel, 10.7.1992

Zum 65. Geburtstag Jürgen Beckers:

Wolfgang Schirmacher: Geräusche, Gerüche und Signale
Rheinische Post, 8.7.1997

Zum 70. Geburtstag Jürgen Beckers:

Armin Ayren: Die Wirklichkeit als Sprache
Stuttgarter Zeitung, 10.7.2002

Nico Bleutge: Erinnerungsreise
Süddeutsche Zeitung, 10.7.2002

Hannes Hintermeier: Der Landschaftsmaler
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.7.2002

Beatrix Langner: Selbstporträts mit dem Rücken zum Betrachter
Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2002

Jochen Schimmang: Ockerfarben in Deutschland
Frankfurter Rundschau, 10.7.2002

Zum 80. Geburtstag Jürgen Beckers:

 

Cornelia Geissler: Mit dem Rücken sieht man schlecht
Frankfurter Rundschau, 10.7.2012

Norbert Hummelt: Leise landen die Abendmaschinen
Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2012 

Lothar Schröder: Autor Jürgen Becker wird 80
Rheinische Post, 10.7.2012

Gisela Schwarz: Jürgen Becker wird 80 Jahre alt
Kölner Stadt-Anzeiger, 10.7.2012

Zum 85. Geburtstag Jürgen Beckers:

Frank Olbert: In diesen neuen alten Gegenden
Kölner Stadt-Anzeiger, 10.7.2017

Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Autorenarchiv Isolde Ohlbaum
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