Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie

Kirsten & Schmitz-Scholemann (Hrsg.)-Thüringer Anthologie

INSCHRIFT AUF DER CAMSDORFER BRÜCKE IN JENA VON 1946

DANKE DENEN
DIE GEBAUT DEN BOGEN
DASS DICH DAS GEWAESSER
NICHT VERSCHLINGE
FEHLT DIE BRUECKE
DER WILDEN WOGEN
FASSE MUT UND SCHWIMME
ODER SPRINGE

Ricarda Huch

 

VOM MUT ZU SCHWIMMEN – ODER ZU SPRINGEN

Immer wieder bin ich daran vorbeigelaufen, doch jetzt, da man in Jena an den 150. Geburtstag der Schriftstellerin Ricarda Huch mit Konzerten und Lesungen erinnert, ein neues Buch über sie in den Auslagen liegt, bleibt mein Blick an einer achtzeiligen Brückeninschrift hängen. Zuerst ist man irritiert: das hochfliegende Pathos, die moralische Diktion, das Benennen einer lebensbedrohlichen Situation – die Saale, die hier die Camsdorfer Brücke überspannt, wirkt nicht wie ein reißender Strom.
Schade, dass unter diese Inschrift nicht das Jahr ihrer Entstehung gesetzt ist. Der Text wurde nämlich anlässlich des Wiederaufbaus der zerstörten Brücke im Juli 1946 verfasst. Zwei Tage hatten die Jenaer gefeiert, als der Weg vom Osten der Stadt über die Brücke in das Zentrum wieder möglich wurde. Doch es war wohl für die meisten mehr als nur die Freude an den verbesserten Verkehrsbedingungen, die sie auf den Festplatz an der Saale geführt hatte. Denn diese Brücke hatte während der letzten Kriegstage eine besondere Bedeutung bekommen: Am 11. April 1945 führte der Todesmarsch der Buchenwaldhäftlinge über die Camsdorfer Brücke. 4.000 ausgemergelte Menschen schleppten sich mit letzter Kraft vorwärts, streng bewacht von SS-Schergen. Zwei Tage später wurde die Brücke von deutschen Truppen gesprengt, um den amerikanischen Soldaten den Weg abzuschneiden. Ein Jahr danach begann der Wiederaufbau auf den alten Fundamenten und Pfeilern.
Die Schriftstellerin Ricarda Huch hatte diese schweren Erschütterungen selbst erfahren: angstvoll, als am 19. März 1945 die Jenaer Innenstadt bombardiert wurde; helfend, als sie selbst Zeugin eines Todesmarschs wurde. Mit den noch heute gut lesbaren Zeilen an der östlichen Mauer erinnert sie daran, dass der mit fremder Hilfe über den Abgrund führende (Brücken)bogen zwar Sicherheit verheißen kann, diese aber nicht selbstverständlich ist, es vielmehr immer auf den Mut und die Entschlossenheit des Einzelnen ankommt. Ein wichtiger Gedanke, der sich beim Spazieren über die Brücke ins Blickfeld drängt.

Gisela Horn

 

 

 

Vorwort

Dieses Buch ist das Dokument eines Glücksfalls. Vom 22. März 2014 bis zum März 2017 erschien in jeder Wochenendausgabe der Thüringer Allgemeinen, der größten Zeitung Thüringens, auf der Kulturseite ein Gedicht mit einem kurzen Kommentar. Allein das dürfte in der Landschaft der deutschen Regionalzeitungen einzigartig sein. Hinzu kommt, dass alle Gedichte, sei es durch die Autoren, sei es durch das Thema, eine Verbindung zu Thüringen haben. Wer weiß, dass Thüringen von Walther von der Vogelweide über die Weimarer Klassiker bis zu zeitgenössischen Lyrikern wie Wulf Kirsten ein poesiegesättigtes und weltoffenes Kulturland ist, der ahnt auch, dass die regionale Verbindung nichts mit Engstirnigkeit zu tun hat, sondern im Gegenteil Welt-Literatur im Goetheschen Sinne einbegreift. Entstanden ist auf diese Weise eine literarische Topographie, wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt: Denn, und das ist dem Format der auf breites Publikum zielenden Zeitungsserie zu danken, sowohl die Gedichtauswahl als auch ganz besonders die Kommentare tragen deutlich nicht nur die Spuren der Orte, die als poetische Bilder erscheinen, sondern auch die Spuren der Jahre, in denen sie entstanden. Das war auch ausdrücklich beabsichtigt: Wir wollten, dass die Sprache der Poesie mit der Welt, in die hinein sie gesprochen wird, in einen Austausch tritt.
Die Anthologie war ein Wagnis. Für die Herausgeber, die bis dahin noch nie unter dem Regime der für Tageszeitungen kennzeichnenden Knappheit an Zeit und Raum für Texte arbeiten mussten. Für die Thüringer Allgemeine war es ein Wagnis, weil sich noch nie vorher eine Regionalzeitung auf ein solches Unternehmen eingelassen hatte. Niemand konnte ahnen, dass es – anfangs auf ein Jahr angelegt – ganze drei Jahre gut gehen würde. Wir haben sehr zu danken: Den Chefredakteuren Paul-Josef Raue und Johannes Maria Fischer sowie den Redakteuren Lavinia Meyer-Ewert, Michael Helbing und Frank Quilitzsch. Ihr Wagemut hat sich gelohnt!
Geboren wurde die Idee in einem Gespräch zwischen dem damaligen Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, Paul-Josef Raue, und dem Thüringer Literaturrat im Jahre 2012. Im Januar 2014 waren dann die Details ausverhandelt: Jeden Samstag ein Gedicht mit nicht mehr als 2.000 Zeichen und ein Kommentar von derselben Länge. Beides zusammen nebst kurzen bio-bibliographischen Angaben und einem Bild der Dichterin bzw. des Dichters. Alles zusammen musste in den „Keller“ der Kulturseite passen. Gedichtauswahl und Auswahl der Kommentatoren oblagen dem Thüringer Literaturrat.
Die Gedichte auszuwählen, blieb über drei Jahre die Aufgabe, die uns die meiste Freude bereitete. Das Sichten des überaus reichen Schatzes an Gedichten mit Thüringer Verbindungen erleichterten die beiden von Wulf Kirsten herausgegebenen Anthologien Eintragung ins Grundbuch. Thüringen im Gedicht (1996) und Umkränzt von grünen Hügeln – Thüringen im Gedicht (2004). Sie bildeten den Grundstock. Wulf Kirsten selbst war uns über die Jahre ein kundiger Ratgeber, der nicht nur eine Reihe von Besprechungen schrieb – auch und gerade, wenn Not am Mann war und ein Text schnell benötigt wurde – sondern auch eine Reihe von Neuentdeckungen beisteuerte. Etwa das Gedicht „Die armen Oebster“ von August Thieme, das Christoph von Wolzogen aus dem handschriftlichen Nachlass Thiemes für unsere Anthologie transkribierte, Walter Bährs „Nachtgang in Weimar“ oder Georg Philipp Schmidt von Lübecks „Abschied von Jena“.
Ebenfalls überaus reizvoll gestaltete es sich, Woche für Woche einen Kommentar zum jeweiligen Gedicht zu erhalten und ihn, was mitunter schmerzhafte Kompromisse erforderte, auf den knapp bemessenen Umfang von 2.000 Zeichen zu begrenzen. Unter den Autoren der Kommentare befinden sich nicht nur Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, sondern auch zahlreiche andere Personen des öffentlichen Lebens: Es ging ja auch darum, Poesie im Spiegel der Wahrnehmung nicht genuin literarischer Prägung sprechen zu lassen. So konnten wir als Kommentatoren z.B. den Theologen Friedrich Schorlemmer gewinnen, den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn, den Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr, den Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch, die ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, den Thüringer Kultusminister Benjamin-Immanuel Hoff, die Chefredakteure der Thüringer Allgemeinen Paul-Josef Raue und Johannes Maria Fischer, um nur einige der ca. 100 Rezensenten zu nennen, die zum Gelingen der Anthologie beitrugen und bei denen wir uns auch deshalb bedanken, weil weltlicher Lohn in Gestalt von Honoraren nur in sehr bescheidenem Umfang zu erringen war.
Die Besonderheit der Thüringer Anthologie gegenüber ähnlichen Reihen ist ihr Bezug zu Thüringen. Alle Gedichte stehen in einem mehr oder weniger engen Konnex zu Thüringen und Mitteldeutschland, wie auch die Kommentare. In insgesamt 158 Beiträgen ist auf diese Weise eine poetische Landeskunde sui generis in der Mitte Deutschlands entstanden, die sowohl durch die Lyrikerinnen und Lyriker von den Minnesängern bis zu ganz jungen zeitgenössischen Schriftstellern als auch durch die Autoren der Kommentare ein weitgefächertes Spektrum bietet. Durch eine Reihe von Dichtern und Rezensenten, die nicht in Thüringen leben, aber sehr wohl einen Bezug zur mitteldeutschen Kulturlandschaft haben, weist die Anthologie über Thüringen hinaus, wie die Gedichte von Arnfrid Astel, dem koreanischen Dichter KIM Kwang-Kyu, von dem israelischen Dichter Tuvia Rübner, von Jürgen Becker, Gottfried Benn, Volker Braun, Heinrich Detering, Michael Krüger, Hans Leip, Horst Samson, Guntram Vesper oder Jan Wagner zeigen. Für alle Leser wird es hoffentlich eine spannende Entdeckungsreise, auf der ihnen hin und wieder alte Bekannte begegnen, aber auch zahlreiche neue Namen und Sichtweisen. Nicht zuletzt gilt unser Dank Karina Bertagnolli und Lothar Wekel vom Verlagshaus Römerweg, die den Druck dieser Auswahl ermöglicht haben.
Für wen ist nun dieses Buch? Für alle, die Thüringen als geistigen Ort lieben, als exemplarischen Ort für die Wechselwirkungen zwischen Landschaft, Poesie und Nachdenken über die Welt. Ganz besonders aber möchten wir unser Buch Lehrerinnen und Lehrern empfehlen, ob sie nun Politik oder Geographie unterrichten oder das, was man früher Heimatkunde nannte, oder Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern. Sie können mit ihren Schülerinnen und Schülern anhand der Lektüre ausloten, welchen Stellenwert gebundene Sprache heute hat. Neben Minneliedern und Gedichten von Goethe findet sich mancherlei Scherzgedicht, wie der dadaistisch anmutende „Gesang der Nachtigall“ von Johann Matthäus Bechstein, der damit heutigentags jeden Poetry-Slam links und rechts der Saale gewonnen hätte. Gedichtet wurde indes nicht nur onomatopoetisch, sondern auch homöopathisch dosiert – über die Bratwurst. Daneben finden sich zahlreiche politische Gedichte, Landschaftsgedichte, philosophische Gedichte, Liebesgedichte, erotische und frivole Gedichte, Weihnachtsgedichte und ein Ostergedicht, ein wunderbares Trinker-Gedicht über die Göttin des Bieres Cerevisia, eines über den aus Apolda stammenden Dobermann und viele andere. Sie alle bieten Raum für die eigene Phantasie und Kreativität. Nicht zuletzt möchten wir das vorliegende Buch der Thüringer Landesregierung als Gastgeschenk für Besucher des Freistaats Thüringen empfehlen, denen damit ein Reiseführer durch die wechselvolle Geschichte Thüringens an die Hand gegeben wird.

Jens Kirsten / Christoph Schmitz-Scholemann, Sommer 2018, Vorwort

 

Die Thüringer Anthologie

erschien über drei Jahre als wöchentliche Kolumne in der Tageszeitung Thüringer Allgemeine. Einzigartige Gedichte und erhellende Kommentare entwerfen eine literarische Topographie die zur frei schweifenden Erkundung einlädt. Das Besondere an der Thüringer Anthologie ist ihr regionaler Bezug; In vielen Gedichten scheinen Landschaften und Städte Thüringens auf. Von den Minnesängern bis zur Lyrik der Gegenwart ist so eine poetische Landeskunde sui generis entstanden. Jedem Gedicht ist ein anspruchsvoller kurzer Kommentar beigefügt ist, der Gehalt und Bedeutung des poetischen Textes erschließt und beleuchtet. Die Kommentare stammen aus der Hand von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sie alle eint, dass sie Kenner und Liebhaber der Dichtkunst und davon überzeugt sind, dass Gedichte unser Leben besser machen.

Verlagshaus Römerweg, Ankündigung

 

Die Thüringer Anthologie – Eine poetische Landeskunde

Zwischen 2014 und 2017 hat die Tageszeitung Thüringer Allgemeine jeden Samstag, Woche für Woche, ein Gedicht mit Thüringen-Bezug abgedruckt. Es waren152 lyrische Texte, die von 100 „Rezensenten“ auf engstem Raum kommentiert wurden. Dass dies Dichter und Literaturwissenschaftler taten, ist kaum verwunderlich. Aber dass ein Bischof, ein Oberbürgermeister, ein Theaterintendant, der Theologe Friedrich Schorlemmer, die frühere Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn sich zu lyrischen Texten äußerten, ist so alltäglich nicht
Es ist hervorzuheben, dass es eine regionale Zeitung war, die sich eines solchen Unterfangens annahm. Die FAZ hat als großes deutsches Blatt – zu Zeiten des „Literaturpapstes“ Marcel Reich-Ranicki – die Frankfurter Anthologie ins Leben gerufen, die in etlichen Bänden dokumentiert ist. Dieser Großversuch hat gewiss für die Thüringer Anthologie Pate gestanden. Die Herausgeber haben zunächst nicht gewusst, dass dieses Projekt in ein Buch münden könnte.
Kurzum, es liegt ein veritabler Band mit 390 Seiten vor, der deutsche Gedichte vom Hochmittelalter bis zu Gegenwart präsentiert. Allein der Abdruck der lyrischen Texte wäre ein verdienstvoller Beitrag zur poetischen Landeskunde Thüringens gewesen.
Es ist bekannt, dass nur wenige Menschen Lyrik lesen. Und so baten die Herausgeber Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann die Kommentatoren, als Brückenbauer zu fungieren. Dahinter stand die Idee, zunächst den Zeitungslesern und nunmehr Lehrern, Schülern und anderen potentiellen Lesern mögliche und freudvolle Zugänge zu den Gedichten zu schaffen.
Die Anthologie bietet eine breite Palette lyrischer Möglichkeiten an: Minnelieder, politische Gedichte, Landschaftsgedichte, philosophische Gedichte, erotische und frivole Lyrik, Oster- und Weihnachtsgedichte, das Trinker-Gedicht eines anonymen russischen Studenten (1858) und manches mehr.
Ein Beispiel kann für das gesamte Anliegen des Buches stehen: Mit acht kommentierenden Texten geht der vierundachtzigjährige Wulf Kirsten, Nestor der Thüringer Literatur, voran. Kirsten, ein Landschafter, Poet und Essayist von nationalem Rang, kann aus dem Vollen schöpfen, da er bereits zwei Thüringen-Anthologien vorzuweisen hat. Auch ein Lyrikkenner wird aber nicht alle Dichter kennen, die der Weimarer Poet auswählte: Ingeborg Stein, Reinhard Preuß, August Thieme, Stephan August Winkelmann, Heinz Winfried Sabais, Georg Wilhelm Schmidt von Lübeck, Walter Bähr sowie Karl Schnog. Kirsten, von dem in der Anthologie auch zwei eigene Gedichte vorgestellt werden, hat als Lyriker und belesener Lektor den doppelten Blick. Mit wenigen Strichen lässt er ein Poeten-Porträt entstehen, das Zugänge zum jeweiligen Gedicht anbietet.
Ein Widmungsgedicht im Band („Eine Fahrt nach Weimar“) erhielt Wulf Kirsten von dem südkoreanischen Dichter Kim Kwang-kyu zum 80. Geburtstag geschenkt.
Durch geschmackvoll eingefügte Schwarz-Weiß-Fotos mit Thüringer Motiven wird die Publikation bereichert. Hingegen fiel das Cover etwas fade aus. Das Personenregister wäre noch handhabbarer geworden, wenn man vermerkt hätte, auf welcher Seite die Texte der Beiträger jeweils zu finden sind. Dies gilt umso mehr, als sich das (schön gesetzte) Inhaltsverzeichnis über neun (!) Seiten erstreckt und die Gedichte nicht chronologisch angeordnet wurden.
Das hier vorgestellte Projekt verdient – mit oder ohne Tageszeitung – einen zweiten Band!

Ulrich Kaufmann, Das Blättchen, 21.1.2019

 

Fakten und Vermutungen zu Jens Kirsten
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