Christoph Buchwald & Norbert Hummelt (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2006

Buchwald & Hummelt-Jahrbuch der Lyrik 2006

aus: Der Nautilus (Vineta, 4)

− Schallplatte: Ich griff an die Klinke einer Wohnung Kastaliens,
das war: vor Zeiten, als Brücken trennten, die kalten Sonnen
am Abend erschienen, als Zeit von den Uhren sich löste,
am Bahnhof die Züge in Asche verschneiten, Block Argus
hielt die Tore verschlossen, hoch oben der rote Stern
auf den Zinnen, im Dunst, in den Wolken glimmen
die Mitternachtslampen, die Genossen vom Dienst
spitzen Bleistift um Bleistift, Echo-Gelächter, und Schläge
von Schach-Uhren, die Finsternis, wo die Puppen verbrannten
in langsamen Walzern, die Triebwagenführer in Feuerkleidern
Kinder ohne Zwillingszungen suchten, die Eltern
wurden in den Betten erstickt: Schreiben Sie Unfall,
Genosse Pathologe, die Kinder kamen mit alterndem Haar
vom Lehrgang zurück, nachts hoben sich unsere Doppelgänger
aus den Papieren, mit Vorsicht und Lügen beschriftete Körper,
die Hundsstunden durchhallt von den Stiefeln der Wachen,
dem Halsbandgeklirr in Freilaufanlagen, verspätete
Reisende, einbeinig wartend vor dem Mitropa-Speisesaal: Sie werden
plaziert von geschulten und wachsamen Kadern, die Nachtstadt
trank von der Rose den Schlaf, die Große Rose, gesprungene
Wiege und wiederkehrende Lieder, verklungen und wieder
gesungen die Lieder, die Aschestadt mit Vergessenskonturen,
der Kaltchrom der Sonden brach vom Block Argus, die Zugbrücken,
draußen, im Dunkel, waren gehißt.

Uwe Tellkamp

 

Zwei Nachbemerkungen

I. Notlagen, Ambivalenzen

Als ich in den achtziger Jahren erste Gedichte verschickte an Zeitschriften und Anthologien, war das Jahrbuch der Lyrik längst schon da. Und tauschte ich mich mit anderen aus, die – erklärtermaßen oder insgeheim – ähnliche Ambitionen hegten, erwies es sich bald als wichtige Meldung, ob man drin war oder nicht; wenn ja, war das ein kleiner Ritterschlag, wenn nein, schickte man eben im nächsten Jahr von neuem ein. In den vergangenen Monaten, nun selbst damit befaßt, aus rund 10.000 eingesandten Gedichten eine Auswahl zu treffen, bin ich von etlichen Seiten derart mit Nachfragen gelöchert worden, daß ich feststellen muß: Am Nimbus dieses Jahrbuchs hat sich nichts geändert.
Es liegt im Wesen von Anthologien, daß niemand mit ihnen ganz zufrieden ist. In jedem Leser regt sich der (bessere) Herausgeber, und diejenigen, die den Job zu machen haben, denken an die wenigen, die sie baten und die doch nichts schickten, gewiß inniger als an einige tausend dankend beiseite gelegte Blätter. Aber wenn es schon im Lebenswerk selbst großer Lyriker nur auf die sechs oder acht wirklich vollendeten Gedichte ankommt, wie Benn meint, dann soll und darf sich jeder glücklich schätzen, der in diesem Buch seine Handvoll eigener Entdeckungen machen kann.
Und braucht man eigentlich jemals wirklich mehr als diese Handvoll? Selbst versierten Lesern ist es kaum möglich, mehr als ein Gedicht auf einmal in sich aufzunehmen, und der mediale Goldrausch, das Schürfen nach den grenzenlosen (Poesie-)Reichtümern im weltweiten Netz, ersetzt nicht das Glück, mit einem schmalen Buch allein zu sein – schmal genug, um es in der Jackentasche unterbringen zu können und so immer bei sich zu haben: ein Buch mit Gedichten. Nicht von ungefähr habe ich meine stärksten Leseerlebnisse nicht vor der stillen Bücherwand, sondern eingekeilt in eine Menschenmenge, in der Straßenbahn, mit der einen Hand den Halt in einer Schlaufe, mit der anderen den in den Zeilen suchend, oder in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt, während einem der Hintermann seinen Wagen in die Hacken fährt, oder in der Einsamkeit überfüllter Gaststätten – in den wenigen, dem ruinösen Betrieb und der Leere abgelisteten Augenblicken der Muße, wie der Hölderlin-Herausgeber D.E. Sattler es einmal formuliert hat.
Es sind dies auch die Augenblicke, in denen das Schreiben beginnt. Hermann Lenz kam mit einem Band Mörike durch den Krieg und fand darin genug, um sich einen inneren Bezirk zu errichten, auf den die Nazis keinen Zugriff hatten. Ernst Jandl entdeckte für sich Gertrude Stein und damit eine ganze Welt der Möglichkeiten, neu mit Sprache umzugehen, in der englischen Gefangenschaft, und Günter Eich hat in seinem Gedicht „Inventur“ das existenzielle Moment des Schreibens in Notlagen auf fast schon evergreenmäßige Formeln gebracht. Ich füge hinzu, daß die für mich beste, keinen Liebling auslassende Eichendorff-Auswahl, vor zehn Jahren für DM 1.- in einem Tübinger Antiquariat erstanden, ein völlig abgegriffenes Heft, auf dessen Rückseite ich sofort ein neues Gedicht notierte – eine Feldpostausgabe ist.
Der existenzielle Sinn eines Gedichts erweist sich darin, daß man es immer neu lesen kann, will, muß, ohne Abnutzung, so gründlich man seine Machart auch durchschaut, so vollständig man seine Information erfaßt haben mag, und auf solche Gedichte kommt es an – alles andere ist Bildung (Stefan George). Wie jeder für sich die Gedichte findet, die ihn oder sie nicht mehr loslassen, ist eines; wie solche Schädelmagie (Thomas Kling) zu erzeugen ist, ein anderes. Ein Gedicht wird nicht dadurch existenziell, daß es lauthals über letzte Dinge nachdenkt; der Quotient an großen Worten bleibt ein Signum des Dilettantismus. Daß Sprache freilich nicht irgendein Material ist, das sich handhaben läßt wie Wasserfarben und Acryl, sondern bildendes Organ der Gedanken (Humboldt), und die Literaturgeschichte kein Feld für Archivare, sondern Erregungszone – das sind Überlegungen, denen man beipflichten mag oder nicht, ein Gedicht machen kann ich nur, wenn ich das alles intus habe und im richtigen Moment vergessen kann.
Also sind es immer Ambivalenzen, aus denen man (einzig) schöpfen kann. Einerseits geht es eben nicht naiv, Traditionen sind da, um gekannt zu werden, gleich, ob wir sie nun brechen oder fortschreiben möchten, ganz rein ist ja weder das eine noch das andere möglich, und Weltwissen kann auch nichts schaden – und dann geht eben doch nichts ohne jenes unkalkulierbare Moment der Überraschung, des Staunens vor dem frischen Einfall, der jungfräulichen Beobachtung, der in Sprache aufscheinenden Begegnung mit einem Gefühl, das wir für die entscheidende Dauer dieses Augenblicks für unser ursprünglich eigenes halten, dem Blick auf einen neuen Stern, der nur durchs Fernrohr der uns in der Hand liegenden Worte zu sehen ist. Ohne diesen Augenblick ist nichts zu machen, alles andere aber ist Arbeit an der Form.
Form ist allerdings nicht bloß da zu erkennen, wo einerseits auf etablierte Muster wie etwa auf das Sonett zurückgegriffen wird, oder dort, wo in auffälliger Weise neue Töne angeschlagen werden. Daß man wieder oder immer noch Sonette schreibt, wie es sich im vorliegenden Buch besichtigen läßt, ist allein noch keine Meldung; daß das Umpflügen poetisch unverbrauchter Wortfelder, etwa der Medien oder anderer Fachsprachen, den Sprachschatz der Lyrik ausweiten kann (auch dafür finden sich Beispiele), bringt für sich betrachtet noch nicht viel. Alles ist eine Frage der erzeugten Intensität, der Aufladung der Worte und ihrer Kontrolle durch ein inneres, lebendiges Gesetz, ein Formbewußtsein, das durch keine Mechanik zu ersetzen ist. Es kann mit Musikalität zu tun haben und kommt selten ohne sie aus, äußert sich in der Wahl der Tonlage, im Gespür für Bilder, im Sinn für Reduktion, im architektonischen Blick dafür, wo ein Gedanke abreißen, wo ein Motiv wieder aufgegriffen werden muß. Man mag seinen Honig unmittelbar aus dem Alphabet saugen oder dem Anschauen alter Postkarten, an denen vielleicht gelebtes Leben hängt, den Vorzug geben – ohne Formbewußtsein wird nichts draus.
Es mag überraschen, daß eine erfreuliche Vielfalt lebendiger Formen, gepaart mit Sinn für die existenziellen Reichweiten lyrischen Sprechens von der Ausforschung des Traums und der intimen Regung bis hin zur Befragung unsereres historischen Woher, Wohin ausgerechnet in Leipzig, im Umfeld des lyrisch bislang eher unverdächtigen Deutschen Literaturinstituts geortet werden konnte. In Leipzig, wo man Lerchen einst wie im Süden Europas vom Himmel holte, um sich an ihnen zu sättigen, und sie dann später aus Marzipan und Mürbeteig nachbuk, wird man der Lerche wieder neu gewahr als eines poetischen Wappentiers. Von Shelley, Eichendorff und in Rilkes Siebenter Elegie gefeiert, besticht die Lerche nämlich nicht allein durch ihren steigenden, im Fluge dargebotenen Gesang, sondern durch ihre Fähigkeit, zwischen Himmel und Erde zu vermitteln: Senkrecht steigt sie nach oben und baut doch ihr Nest am Boden. Ohne Bodenhaftung keine Transzendenz (und umgekehrt). Genau darin liegt es, was Gedichte können.

Norbert Hummelt

II. Viererlei

1.
Nach Auswertung aller Flugdaten, darin waren sich die Nachrufenden auffallend einig, hat Thomas Kling in seinem Œuvre Dimensionen, Schichten und Lagen der Spachklangs, der Sprache und also des Denkens freigelegt, die uns vorher so anschaulich, erhellend und erhellt nicht präsent waren. Es wird noch geraume Zeit dauern, bis wir den poetischen und poetologischen Zugewinn, den er in seiner Lyrik und mit seinen Gedichten erarbeitet hat, in seiner ganzen Bedeutung und Ausdehnung absehen können.
Im Jahrbuch der Lyrik 1985 sind zum ersten Mal Gedichte von ihm abgedruckt („die mütze“, „tattoos“, „wasserstandsbericht“), in ihnen ist – von heute aus betrachtet – im Nukleus schon „der ganze Kling“ zu sehen. Natürlich hätte er über eine solche Formulierung gelacht, Unsinn, das. Was ist das überhaupt, der ganze Kling? Vom halben ganz zu schweigen. Also.
Thomas Kling ist am 1. April 2005 gestorben, er wurde 47 Jahre alt. Dieses Jahrbuch ist seinem Andenken gewidmet. Seine Gedichtbände und CDs seien den Lesern dieses Jahrbuchs der Lyrik nachdrücklich empfohlen.

2.
Im letzten Jahrbuch waren die Gedichte in Decennia-Kapiteln angeordnet, das heißt: die zwischen 1970 und 1980 Geborenen fanden sich in einem Kapitel wieder, dito die zwischen 1960 und 1970 Geborenen etc. Die Reaktionen darauf waren meist zustimmend („ungewöhnlich, aber interessant für die Leser wie die Autoren“) – und oft verwundert darüber, dass Sprach- und Denkverwandtschaften, dass Sensoria für Zeitgenossenschaft und -geist, für Bildermacht und Kenntnis der Traditionen offenbar wenig mit der Jahrgangsgruppe zu tun haben. Aber womit dann? Mit welchen Lese-, Lebens- und Zeiterfahrungen?
Oder sind es vor allem die historischen Katastrophen und Umbrüche, die das Gemeinsame Vielfache herausfordern? In den Gedichten der in den Dreißigern Geborenen – heute zwischen 65 und 75 Jahre alt – ist die Zeitgeschichte fast omnipräsent .
Das vorliegende Jahrbuch hingegen ist wieder zur thematischen Kapiteleinteilung zurückgekehrt. Zu verlockend war der Umstand, dass viele vor allem junge Autoren ihre Einsendungen aus Leipzig abschickten und beim dort ansässigen Literaturinstitut notorisch sind – das Kapitel entstand wie von selbst. Dass Sonett und Reim auffallendes Ansehen genießen und beieinanderstehen wollten. Auffallend auch, dass der thematische Umgang mit der Natur den mit der Liebe aus dem lyrischen Feld geschlagen zu haben scheint. Und stets verführerisch, dass in der Gedichtabfolge eines Kapitels Thema, Blick, Machart, Nachbarschaft und Unterschied oft deutlicher sichtbar werden. Das, kommt uns vor, kann beim Lesen eines ganzen Kapitels erhellend wirken.

3.
Wie in früheren Jahrbüchern finden sich auch in diesem wieder poetologische Beiträge und Anmerkungen zur Gegenwartslyrik. Mögen sie dazu beitragen, zu verdeutlichen, auf welche Ideen, Auffassungen und Möglichkeiten des zeitgenössischen Gedichts die Jahrbücher und ihre (jeweiligen) Herausgeber gerne zählen. Beyer, Hummelt und Schrott zeigen eindrucksvoll, wie sich über Gedichte am besten und erhellendsten konkret sprechen und schreiben lässt: aus der Erfahrung und Anschauung der eigen Arbeit heraus, und aus der genauen Kenntnis der Arbeiten anderer. Nicht umsonst hat der alte Michel de Montaigne seine Betrachtungen über den Zustand der Welt im Allgemeinen und der Menschen im Besonderen aus seiner Erfahrung destilliert – und, anders als der junge Montaigne, nicht aus einem kohärenten ideologischen oder ästhetischen Denksystem.

Christoph Buchwald, Nachwort, 10.4.2005

 

Neue Literatur

entsteht an den Rändern der Sprache. In diesen Grenzbereichen erprobt Lyrik das Denkbare, Machbare, Sagbare. Christoph Buchwald und Norbert Hummelt haben die interessantesten Stimmen der aktuellen Lyrik ausgewählt. Neben den großen Namen, die das Gedicht im 20. Jahrhundert geprägt haben und immer noch prägen, stehen Lyriker der jüngeren Generation, die Stimmen der unmittelbaren Gegenwart, sowie literarische Neuentdeckungen. Auffallend ist Leipzig als klandestines Zentrum der Lyrik; den Leipziger Autoren ist daher ein eigenes Kapitel gewidmet.
Das Jahrbuch der Lyrik beobachtet Entwicklungen, setzt Trends und lädt zur Auseinandersetzung mit der Lyrik der Gegenwart ein. Was ist das überhaupt, ein „gutes Gedicht“? Poetologische Nachbemerkungen reflektieren das poetische Geschehen. So entsteht ein vielfältiges und unverwechselbares Kaleidoskop der aktuellen Lyrik in all ihren Facetten und Formen, vom Sonett bis zum freien Vers.

S. Fischer Verlag, Klappentext, 2005

 

Christoph Buchwald: Selbstgespräch, spät nachts. Über Gedichte, Lyrikjahrbuch, Grappa

Das Jahrbuch der Lyrik im 25. Jahr

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979–2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik
Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Norbert Hummelt + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
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Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Norbert Hummelt

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