Magdalena Rüetschi und Peter Wild (Hrsg.): „Ich bin so vielfach in den Nächten‟

Rüetschi und Wild-„Ich bin so vielfach in den Nächten‟

TRÄUME

Verworrene Träume schnellten
durch meinen Schlaf, vergällten
mir also diesen Schlaf.
Nun können die Gestalten
der Nacht sich nicht mehr halten,
da sie der Morgen traf.

Wie trüb auch dieser Morgen,
es drängen schon die Sorgen
des Tags sie aus dem Tag,

der mir vor allen Dingen
Beruhigung wird bringen,
was er auch bringen mag.

Robert Walser

 

Traum und Dichtung

Freiraum Traum
Die Dichtung hat sich schon immer und nicht erst im 20. Jahrhundert mit dem Traum befaßt. Sie versuchte ihn zu verstehen, zu gestalten und ihn als Botschaft weiterzugeben. Sie tat es dem jeweiligen Traumverständnis entsprechend. Oft erlaubte ihr der Traum, Gegenwelten darzustellen, sei es eine utopische Zukunftswelt, sei es eine satirisch überzeichnete und erschreckende Verzerrung der Realität, sei es die Erfüllung der Sehnsüchte. Sie folgte damit den beiden – gegensätzlichen – Vorstellungen, im Traum würde sich entfalten, was sich jemand im Wachzustand nie zugestehen würde oder dürfte, beziehungsweise der Traum realisiere in einer verstärkten Intensität das ansatzweise schon Gelebte.
Für die zweite Vorstellung mag, vorbildhaft, ein Text des römischen Dichters Petronius aus dem ersten Jahrhundert n.Chr. stehen. Er betont, im Traum würden sich, „dem Dunkel verbündet, die Werke des Tages vollziehn“:

Krieger, die Burgen zerstört und Städte mit Fackeln entzündet,
Sehen Waffen und Schlachtreihen aus der Finsternis tauchen,
Königsgräber erhöht und Felder blutgedüngt rauchen.
Andere, die in Prozesse verstrickt sind, vor denen erheben
Sich Gesetze und Markt und rings von Wachen umgeben
Das Tribunal. Der Geizhals bringt Schätze, die er gefunden,
Und der Jäger durchstreift das Waldtal mit hurtigen Hunden.
Kühn kämpft der Schiffer, daß nicht der Sturm sein Fahrzeug versenke,
Die Hetäre wirbt brieflich, die Buhlerin sendet Geschenke.
Bellend im Traume verfolgt der Hund die Spur eines Hasen.
Und noch im Dunkeln bluten die Wunden Unglücks und rasen.

Die zweite Vorstellung wird vor allem in der Liebeslyrik immer wieder aufgenommen. Denn sie ermöglicht es, die Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen zu lassen beziehungsweise die Kluft zu beklagen, die schmerzhaft zwischen der Tages- und der Nachtrealität besteht – ein unerschöpfliches Thema mit ungezählten Varianten. In einem ihrer Sonette bringt Karoline von Günderrode diese Spannung zum Ausdruck:

DER KUSS IM TRAUME

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten.
Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten,
Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb’ ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.

Drum birg dich Aug’ dem Glanze irrd’scher Sonnen!
Hüll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.

In einer weiteren Spielart dieser traumbezogenen Liebeslyrik bittet etwa Gottfried August Bürger den „geliebten“ Traum, das „Brüderchen der Amoretten“, als Mitverschworener ins Herz der Geliebten einzudringen und dort das Bild seines Leidens lebendig werden zu lassen, damit sie ihre Gefühlskälte aufgibt und sich ihm zuwendet:

Und neige dich mit leisen Tönen
Zu ihrem Ohr!
Zähl ihr die Seufzer und die Thränen
Der Liebe vor;
Und bring in Aufruhr ihr Gewissen!
Ihr Schlaf entflieh;
Und, schluchzend, unter Zährengüssen,
Erwache sie!

In einem umfassenderen Sinn thematisiert Clemens Brentano die Spannung zwischen der alltäglichen Realität und der kompensatorischen Realität des Traumes, wenn er schreibt:

(…) Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl’ die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau’ es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau’ es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche (…).

Er schließt sein Gedicht damit ab, daß die Traumrealität von der „mutternackten Wahrheit“ des Tages überrannt und verdrängt und der Träumende in die Einsamkeit zurückgestoßen wird.
Die Lyrik der deutschen Romantik nahm in ihren Ahnungen Erkenntnisse der modernen Psychologie wenigstens ansatzweise vorweg. Greifbar wird dies im Gedicht „Der Traum“, einem „Gespräch mit dem Traume“ von Johann Gottfried Herder. Der Traum versucht in diesem Gespräch dem Menschen immer wieder nahezubringen, wie sehr er in ihm, dem Menschen, selber beheimatet ist. Herder läßt den Traum auf die Frage „Wohin hebst du, o Genius, mich?“ antworten: „In dich selbst.“ Und auf die Frage „Doch sage, wer knüpft die Zaubergestalten?“:

Du. Kein anderer! Könnt‘, könnt’ es ein anderer Geist?
Du in Dir selber erschaffst dir Welten und Zaubergefilde;
Du in dir selber erspähst deine geheimeste Kraft,
Deinen geheimsten Fehl. Du bist dir Lehrer und Lerner,
Warner und Feind; du bist Lohner und Peiniger dir.
Ich nur schließe dir auf des
Herzens Tief’ und des Geistes;
Was sich der Sonne verbarg, zeigt sich dem
inneren Licht.
Offen dem Auge der Nacht und allen glänzenden Sternen,
Dem Unermeßnen tut Dein Unermeßnes sich auf.

Trotz solcher Ansätze blieb der Traum auch in der Lyrik des letzten Jahrhunderts vorwiegend Freiraum der dichterischen Phantasie. Und sogar wenn sich die Literatur um die surrealen Züge der Träume bemühte und sie zur Sprache brachte, verrät die Sprache, daß es sich um Träumen nachempfundene Texte – um zu literarischen Motiven geronnene Träume – handelt und noch nicht um dichterisch gestaltete Traumprotokolle, wie sie im 20. Jahrhundert in vermehrtem Maß auftauchen.

Selbstgespräch Traum
Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und andere schufen – mit zunehmender Breitenwirkung – ein neues Bewußtsein für die Bedeutung der Träume, und dies wirkte sich auch auf die literarische Beschäftigung mit den Träumen aus.
Nun ist der Traum nicht mehr so sehr die Botschaft einer anderen, fremden, einer numinosen oder erhofften Welt, er ist vorerst und prägend: eine Botschaft der eigenen Bewußtseinstiefe und zugleich Verunsicherung. Der gewohnten Orientierung und Sicherheit wird der Boden weggezogen. Denn im Traum manifestieren sich andere Gesetze. Die Wertmaßstäbe, auf die man sich für das Leben geeinigt hat, verlieren ihre Gültigkeit. Man ist im Traum ein anderer Mensch. Oder – wie Madeleine Gustafsson es andeutet – andere Leute wohnen im früher vertrauten Haus:

Dann, eines Nachts, komme ich zu dem Haus,
und die Stadt hat es verschlungen,
jeder Umbau ist zwecklos.
Übrigens wohnen da jetzt andere Leute, sagt man mir.

Dieser andere Mensch, als den wir uns im Traum erleben, entfaltet faszinierende Seiten: Im Traum leben wir intensiver, sinnenhafter, ganzheitlich. Alle Entfaltungsmöglichkeiten stehen uns offen:

Im Traum
male ich wie Vermeer von Delft.

Ich spreche fließend Griechisch,
nicht nur mit Zeitgenossen. (…)

Ich bin begabt,
schreibe große Poeme.

Ich höre Stimmen,
wie die heiligen Väter, nicht minder.
Ihr würdet staunen
über die Herrlichkeit meines Klavierspiels. (…)

Mit diesen Zeilen beginnt die für ihre Lyrik mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Wisława Szymborska ihr humorvolles „Lob der Träume“. Der Traum kann, so erlebt, auch als Wunschwelt, als Fluchtwelt vor der Alltagsrealität dargestellt werden, doch unterscheidet sich diese Darstellung von Gedichten aus früheren Jahrhunderten durch das Wissen, daß auch diese Innenwelt eine Dimension der eigenen Person offenbart. Der Lyriker Albin Zollinger erlebt sich im Alltag als

Ausgestoßen
Hier wo es kalt ist und von den Bergen
Nebel herabwehn,

in den „Höhlen des Traumes“ hingegen erfährt er sich verzaubert, funkelnd, liebend, im Kontakt mit dem Paradies:

Und Almosen halt ich,
Zeugnis des Engels
Der vom Himmel
Dunkel zurücktrat.

An die Straßen des Schlafes
Will ich mich stellen, vielleicht
Daß er kommt und krönt mich mit seinen Kronen,
König Traum,
Und ich glaube und glühe
Und liebe!

Die Lyrikerinnen und Lyriker, die nun reale Träume aufnehmen und gestalten, scheuen sich nicht, auch ganz individuelle Traumpassagen nachzuzeichnen. Sie muten den Leserinnen und Lesern zu, wie sie selber vor der Kraft und Vieldeutigkeit der Bilder zu verstummen. Gerade so, ohne die Deutungsversuche, gewinnen die Traumbilder aber auch ihre Überindividuelle, kollektive Gültigkeit. Spürbar wird dies bei Natála Correia und ihrem „nächtliche(n) Vieh auf der Weide der Träume“, bei Jorge Luis Borges, der im Traum die „Wiesenspur“ der „weissen Hirschkuh“ erkennen darf, bei Tadeusz Rózewicz, dem sich durch das Antlitz des sterbenden Leo Tolstoj hindurch das göttliche Licht manifestiert, aber auch bei Traumsequenzen, die mit persönlichen, biographischen Erlebnissen zusammenhängen, wie etwa bei Ludwig Fels:

Im Traum halte ich die
Flinte meines Urgroßvaters…

Der reale Traum übt auf die Lyrikerinnen und Lyriker noch aus einem anderen Grund eine unerschöpfliche Faszination aus: Sie erleben im Traum eine Sprache, der sie sich in ihrem lyrischen Schreiben in vielem verwandt fühlen, deren Freiheit im Setzen von eigenen, ja einmaligen Sprachregeln sie aber nie erreichen können. Das Traumerleben und seine Sprache werden zum Vorbild des lyrischen Sprechens. Auf dem Hintergrund dieser Faszination wird es verständlich, daß in mehreren Gedichten nachgefragt wird, wie Traum und Schreiben, Traumsprache und dichterisches Gestalten zusammengehen können. Makoto Ooka bringt es auf die kurzen bildhaften Formeln:

In einem Gedicht ist
Der nicht zu unterdrückende Traum vom Fliegen

und

In einem Gedicht ist
Der Traum des Schmetterlings, in den azurblauen Himmel zu fliehen.

Roberto Juarroz widmet der Sehnsucht, wie ein Traum schreiben zu können, aber auch der Sehnsucht, mit seinen Gedichten die Traumwelt in ihrer Eigenständigkeit retten zu können, ein ganzes Gedicht:

Traumfigurinen wiederzugewinnen
wie einer, der dem Meer Land abgewinnt
und auf diesem kleinsten Strand
das Zittern eines kleinen Gedichts begründet.

Darnach dem Traum den Traum zurückgeben
und den Kreis schließen,
denn der Traum kann nicht allzulang
außerhalb des Traums sein.

So, fast schon ohne ihn gesucht zu haben,
wird in den Worten des Gedichts
ein wenig vom Duft des Grunds bleiben.

Der Traum zählt zu jenen Realitäten, die die namhaften Lyriker und Lyrikerinnen dieses Jahrhunderts beschäftigt haben. Die in diesem Band versammelten international anerkannten Autoren und Autorinnen bezeugen es und laden ein, die eigene Traumrealität zu erkunden, dem eigenen „Anderssein“ und den eigenen „Vielfachheiten“ (Emmy Hennings) zu trauen, sich auf jenen Veränderungsprozeß einzulassen, den die Träume einleiten können.
Und Cees Nooteboom attestiert dem Traum, daß er uns, die wir der Zeit verhaftet sind, in die Schau, in die Dimension der Zeitlosigkeit führen und unser weitgespanntes Wesen erfahren lassen kann:

Die Seele hat zwei Augen, das träumt er.
Das eine schaut auf die Stunden, das andere
schaut hindurch,
bis dort, wo die Dauer nie aufhört,
das Sehen im Schauen vergeht.

Peter Wild, Vorwort

Umgang mit dem Traum

… In unorthodoxer Weise schildern die Dichter den Umgang mit ihren Träumen. Noch nie sind so viele Gedichte über den Traum entstanden wie im 20. Jahrhundert – dies wird verständlich durch den historischen Überblick: zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Traum dem Menschen sozusagen in die Hand gelegt; er selbst wurde als zuständig für seine Träume erklärt. Wie sollten sich da nicht besonders auch die Dichter, diese „Seismographen des Menschlichen“, den nächtlichen Bildern aus der eigenen Tiefe zuwenden?
Die Dichterinnen und Dichter lassen sich aber von einem rein wissenschaftlichen Deutungsversuch nicht vereinnahmen. Sie suchen – wie es ihre Gedichte über den Traum bezeugen – einen phantasievollen subjektiven Zugang zu ihren Traumbildern: sie nähern sich ihnen nicht mit Willensanstrengung, sondern mit Gefühl, Intuition, Empfindung, Nachdenken. Vom noch nicht Offenbaren, vom Geheimnis, das der Traum in sich birgt, möchten sie sich berühren lassen. Auch die Sprache, mit der die Dichter mit dem Traum, mit den Traumgestalten, umgehen, ist wegweisend. Ihre eigene, bildhafte Sprache ist der Bildsprache des Traumes verwandt. Beide Sprachen sind nicht scharf umrissen, sie drücken sich nicht eindeutig aus. In dieser vermeintlichen Schwäche liegt aber ihre besondere Kraft. Die eine Mehrdeutigkeit zulassende Bildersprache läßt dem Betrachter Spielraum, Freiheit: sie zwingt ihn zu nichts, er kann wieder wegsehen, oder er kann sich einem bestimmten Aspekt des Traumbildes, des Gedichts, zuwenden; solche Sprache verlebendigt den betrachtenden Blick.
Aus dem Umgang mit dem Traum und den Traumgedichten erwächst ein Staunen über die geheimnisvolle, unsichtbare, unbewußte Welt, mit der die menschliche Existenz verwoben ist.

Magdalena Rüetschi, aus dem Nachwort

Zu diesem Buch

Die Dichtung hat sich schon immer mit dem Traum befaßt. Sie versuchte ihn zu verstehen, ihn zu gestalten und ihn als Botschaft weiterzugeben. Sie tat es dem jeweiligen Traumverständnis entsprechend. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde durch Sigmund Freuds Traumdeutung ein neuer, bewußterer Zugang zum Phänomen Traum ermöglicht, der auch in der Literatur seinen Niederschlag fand. Die Anthologie präsentiert eine faszinierende Vielfalt an Traumgedichten von namhaften Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts.

Pendo Verlag, Klappentext, 1999

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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