Peter Geist, Walfried Hartinger, Dagny Albrecht und Rainer Zekert (Hrsg.): Im Spiegel lauert ein anderer

Geist, Hartinger, Albrecht und Zekert -Im Spiegel lauert ein anderer

ein letterleuchten hinter blassen ahnungsschimmern
nostalgia kriecht in die trauerarbeits-rose

und schläft den gang der metaphorischen psychose
aus meiner unentschlossenheit ein schloß zu zimmern

ein strahlungstrauma scheint ad acta absorbiert
mein bruder niemand überschreit den rubikon
dem echo fehlt der ernst, aktion ist reflexion
die meinen aktenschatten ad absurdum führt

wo liegt der mund begraben? in gedächtnistrümmern?
als kühler nekrofühler unterm fremdwortschatz?
der fragenschein im kreuzverhör beim schlüsselsatz:
es kann sich neuerdings durch nichts verschlimmern

ein sprossengrün aus hoffnungsfeuchten lettern
fünf messer, abgelauscht dem puls der seele
beschneiden stilgemäß den trieb der asphodele
beschreiben den bedarf an unbeschriebnen blättern

Andreas Koziol

 

 

Vorbemerkung

Die vorliegende Auswahl ist für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler zusammengestellt worden, was nicht ausschließt, daß sie auch bei einem breiteren Leserkreis Interesse findet. Gedacht wurde in jedem Fall an Rezipienten in den neuen Bundesländern, die so geübt im Umgang mit der Lyrik der Moderne nicht sind.
Diese Einschränkungen für den Gebrauch wollen den allzugroßen Anspruch, der an eine solche Sammlung gestellt werden könnte, relativieren.
Unsere Auswahl aus der Lyrik der Moderne mag einleuchtend wie problematisch sein: Wir konzentrieren uns auf den europäischen und amerikanischen Raum, wohl wissend, daß Texte aus afrikanischen und asiatischen Ländern unser Bild komplettieren müßten. Der Absicht, Gedichte aus diesen Kulturlandschaften aufzunehmen, gaben wir deshalb nicht nach, weil unser gegenwärtig unzureichender Einblick womöglich Zufallstexte favorisiert hätte.
Die Gedichte sind im wesentlichen chronologisch geordnet und in vier Abteilungen zueinandergefügt. In „Der untergang der romantischen sonne“ werden die ,Klassiker‘: moderner Lyrik von Charles Baudelaire bis Stefan George und Rainer Maria Rilke vorgestellt, im zweiten Abschnitt wichtige Vertreter der europäischen Avantgarden der ersten Jahrhunderthälfte (Expressionismus, Futurismus, DaDa, Surrealismus, Poetismus, moderne spanische Lyrik der zwanziger/dreißiger Jahre u.a.). Im dritten Kapitel haben repräsentative Texte der europäischen und amerikanischen Moderne von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart Aufnahme gefunden. Abgeschlossen wird die Auswahl mit einem Einblick in die deutschsprachige Dichtung nach 1945.
Es war angestrebt, literarische Strömungen und das einzelne Gedicht so ins Verhältnis zu setzen, daß dem Leser Raum eröffnet wird sowohl für die Entdeckung von Trends als auch für die originäre, nicht austauschbare Sprache des einzelnen Autors.
Die ,Lyrik der Moderne‘ setzt dem trainierten wie dem ungeübten Verstand erhebliche Hürden entgegen. Ein zweiter Band, der neben einem einführenden Essay zur Lyrik der Moderne Interpretationen beziehungsweise Lesarten zu einzelnen Gedichten von Künstlern und Wissenschaftlern anbietet, will zur selbständigen Erkundung dieses entdeckungsträchtigen Literaturterrains ermuntern.

Dekadent, antihumanistisch, subjektivistisch, fortschrittsfeindlich

waren Bewertungen, die den Ausschluß der literarischen Moderne aus dem Kanon der Schullektüre in der DDR zwangsläufig machten. Hinzu kommen (auch anderswo) zählebige Vorurteile bzw. Rezeptionshemmungen gegenüber moderner Lyrik. Sie gilt dann als ,dunkel‘ und ,schwierig‘. In der Tat versagen oft vertraute Leseweisen, da sich viele Gedichte der Moderne – durchaus kalkuliert – einfühlendem Lesen verweigern und assoziative Phantasie, kreative Verstehensakte, Denk- und Spielvermögen ungewohnt herausfordern.
Der Begriff ,Iiterarische Moderne‘ schließt Kunstströmungen eines Zeitraums von mehr als 140 Jahren ein. Sie eint Revolte gegen den etablierten Kunstbetrieb, bewußter Bruch mit verfestigten Formen, Normen und Wahrnehmungsweisen, Problematisieren des Ich, Entdeckung tabuisierter Bereiche als ästhetischen Gegenstand, die Weigerung, ,Sinn‘ zu stiften. Unser Band macht diese Lyrik erstmals in der Vielfalt ihrer Richtungen bis zur Gegenwart für den Unterricht verfügbar. Der Abdruck ausgewählter Originalfassungen von Gedichten englischer, amerikanischer, französischer und russischer Autoren empfiehlt die Sammlung auch für den Fremdsprachenunterricht.

Volk und Wissen Verlag, Klappentext, 1992

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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